Freitag, 26. Dezember 2008

Anton von Werner (Teil 2)

Paris (1867 - 1868)

Anton von Werner gewann 1866 ein einjähriges Stipendium für eine Italienreise. Bevor er diese Reise antrat, wollte er in Paris seinen künstlerischen Horizont erweitern. Diesmal sollte es nicht nur ein flüchtiger Besuch wie 1865 werden, sondern ein längerer Aufenthalt, den er dann 1867 auch realisierte.

Paris war der Mittelpunkt der Kunstwelt, da dort die technisch größten Meister lebten und lehrten. In dieser Atmosphäre und mit diesen Vorbildern wollte von Werner seinen Blick und seine Fähigkeiten erweitern und verfeinern.

Weltausstellung 1867

Gelegen kam da natürlich die Weltausstellung 1867, an der er sowohl als Beauftragter der süddeutschen Staaten als auch als Künstler teilnahm.

Anton von Werner: Konradin von Hohenstaufen und Friedrich von Baden, das Todesurteil hörend (1866)
Öl auf Leinwand - 286 x 237 cm

Ausgestellt wurde sein erst kurz vorher fertig gestelltes Gemälde Konradin von Hohenstaufen und Friedrich von Baden, das Todesurteil höhrend.

Die Weltausstellung ist eine Art Olympiade der Nationen (vor allem europäische) auf handwerklich, technisch, künstlerischem Gebiet. Dieses Messen der Kräfte der Nationen sollte die Länder in ihrem besten Licht erscheinen lassen, wurde also von höchster Regierungsstelle befördert und unterstützt.

Aus von Werners Sicht waren 1867 der Auftritt der Kunstabteilung der Belgier, von Baron Hendrik Leys zentral organisiert, sehr homogen, der deutsche Auftritt, ein Spiegelbild der damaligen politischen Situation, eher zersplittert in einzelne regionale Gruppen.

Ernest Meissonier: Napoleon auf dem Rückzug 1814 (1864)

Von allen Bildern der Ausstellung hat Napoléon auf dem Rückzug 1814 von Meissonier den größten und nachhaltigsten Eindruck auf von Werner hinterlassen.

Leben in Paris

Anton von Werner lernte in dieser Zeit, aufgrund der freundlichen Führung des Professors Eduard Willmann, die Stadt endlich in all ihrer Vielfalt kennen und schätzen, mehr als dies beim kurzen Besuch 1865 möglich war.
Willmann führte ihn im deutschen Künstlerkreis ein, dessen gesellschaftliches Leben ein heimisches Gefühl vermittelte.
Die Tage und Abende verbrachte er, neben den regelmäßigen Besuchen der Museen, ähnlich wie zur Karlsruher Zeit, häufig mit musizieren oder dem Besuch von Opern oder Konzerten.

Arbeit in Paris

Anton von Werner: Titelblatt zu Gaudeamus (1867)
Feder in Schwarz über Bleistift, laviert - 46,9x 36,2 cm

Sein tägliches Einkommen sicherte er mit kleinen Auftragsarbeiten, zum Beispiel Illustrationen zu Werken seinen bestens Freunds Joseph Victor von Scheffel, Gaudeamus! oder die Bergpsalmen.
Ursprünglich plante er, bei Leon Bonnat oder Charles Gleyre Aktkurse zu besuchen, aber der sehr wohlmeinende und freundliche Leon Cogniet riet ihm davon ab. Er lobte sein in der Weltausstellung gezeigtes Hohenstaufenbild. Ein so fähiger Künstler sollte seine Pariser Zeit besser mit dem Malen von Bildern verbringen, statt als Schüler seine Zeit zu vergeuden.
Diesen Rat nahm er an und malte in seiner Pariser Zeit das Gemälde Heinrich der IV durch Anno von Köln geraubt. Wieder ein Historienbild, welches seine Fähigkeiten auf dem Gebiet, welche als Krone der Malerei betrachtet wurde, zeigen sollte. Und vor allem auch ihm selber zeigen sollte, ob er dazu wirklich fähig war.

Ausstellungen in Paris

Ludwig Knaus: Seine Hoheit auf Reisen (1867)

Im Salon dieses Jahres 1867, der trotz der großen Weltausstellung stattfand, stach vor allem Ludwig Knaus mit seinem Gemälde Seine Hoheit auf Reisen und Paul Meyerheim mit zwei Genrebildern hervor.

Als hervorstechendes Ereignisse des Jahres 1867 ist noch die Gedächtnisausstellung zum Tode des erst kurz vorher verstorbenen Jean-Auguste-Dominique Ingres zu nennen, den Werner sehr hoch schätzte.

Jean Auguste Dominique Ingres: Die Quelle (1856)

Sein Werk Die Quelle, welche er als nicht übertreffbar zur Darstellung
reinster und keuschechster Weiblichkeit

beschreibt, galt seine höchste Anerkennung.

Andere Städte

Ende 1867 lernte er das Frankreich außerhalb Paris kennen. Seine Reise führte ihn nach Chartres, Chateaudun und anderen Städten. Der Besuch der architektonischen und künstlerischen Sehenswürdigkeiten stand hierbei natürlich immer auf dem Tagesprogramm. Oft waren die Eindrücke positiv, manchmal beeindruckend, aber nie so unvergesslich, wie es später teilweise in Italien der Fall war.

In dieser ganzen Zeit blieb der Kontakt zu der einheimischen Bevölkerung sehr beschränkt.

Dem heutzutage als Vorreiter der Moderne hoch verehrten und auch damals, zu Anton von Werners Zeit, schon sehr bekannten Gustave Courbet, lernte er so kennen, wie dieser Künstlerkauz immer beschrieben wurde:
... saß in Hemdsärmeln, seine kurze stinkige Pfeife qualmend, am Tisch, anscheinend betrunken, spuckend, rülpsend und hin und wieder einige Sätze in gewöhnlichsten Pariser Jargon vor sich hinglucksend - das Ideal des freien Künstlers.

Weihnachten in Karslruhe

Zum Ende des Jahres 1867 überfiel ihm das Heimweh und so verbrachte er die Weihnachtszeit 67/68 mit seinen Freunden in Karlsruhe.

Zurück nach Paris

Anton von Werner: Heinrich der IV durch Anno von Köln geraubt (1868)
Öl auf Leinwand - 194 x 250 cm

Anfang 1868 ging es wieder zurück nach Paris, um sein großes Bild über Heinrich IV zu vollenden. Der Trubel in und um die Weltausstellung hatte sich gelegt und so konnte er in Ruhe arbeiten, obwohl ihm mancher riet, dass dieses Gemälde keinen Feinschliff mehr benötigt. Dem wohlgemeinten Ratschlag des Kupferstechers Forster,
Man sollte immer eine fröhliche junge Dame in ein Gemälde einfügen... und das ist es, was fehlt
konnte und wollte er dann doch nicht folgen.

Anton von Werner: Ausschnitt aus Heinrich der IV durch Anno von Köln geraubt (1869)

Dies war auch gar nicht notwendig. So besticht dieses Kunstwerk durch seine gelungene Perspektive, den fantastisch gemalten Personen in unterschiedlichsten Haltungen und den glänzend gemalten Wassereffekten.
Dargestellt ist der Augenblick der Entführung des jungen Königs, der kurz zuvor durch einen gewagten Sprung ins Wasser entkommen wollte. Die Flucht wurde verhindert und seine Kidnapper ziehen ihn gerade wieder ins Boot zurück.
Die Szene ist in eine dämmrige Stimmung (dies wirkt auf dem Schwarz-Foto noch besser) eingetaucht und der Betrachter ist Teil der Entführung, da er wohl von einem Beiboot das Geschehen verfolgt.

Anton von Werner: Ausschnitt aus Heinrich der IV durch Anno von Köln geraubt (1869)

Monatelange Arbeit, viele Skizzen, geschichtliche und künstlerische Studien und Entwürfe führten zu dem wohl besten Frühwerk des damals 25-jährigen Anton von Werner.
In bester Tradition erstellte er ein Wachsmodell der Komposition.
...modellierte ich mir die ganze Gruppe im Kahn aus Wachs und bekleidete die Figuren mit Stückchen Gewand in den entsprechenden Farben, um darnach, das Ganze in die Sonne gestellt, die Wirkung probieren zu können, ein Verfahren, das Delaroche, Gerome und Meissonier wie auch Sir Frederic Leighton und Sir L. Alma Tadema oft angewendet haben.

Erfolg im Pariser Salon 1868

Am Pariser Salon 1868 beteiligte er sich mit zwei kleineren Bildern. Als meisterliches Gemälde ist ihm hierbei Jean Georges Viberts (einer meiner Lieblingsmaler) Mönche, die sich bewaffnen, in Erinnerung geblieben. Auch für von Werner war der Salon sehr erfolgreich, da er beide Bilder direkt verkaufte.

Italien (1868 - 1869)

Italien konnte kommen. Italien sollte seine künstlerischen Anschauungen (die Technik hatte er ja in Paris vervollkommnet) reinigen und klären. An moderner Malerei war er, bis auf das Werk des damals in Italien lebenden Anselm Feuerbach,
...dessen mir seit langem bekannten Werke ich überaus hochschätze...
, nicht interessiert.

Über München
Die Herren Pilotyschüler waren aber schon so berühmt und zugeknöpft, daß es mir nicht gelang, eine freundschaftlich gemeinte Annäherung zu erzielen...
ging die Reise, gemeinsam mit seinem Freund Scheffel, durch die beeindruckende Schweiz. Dort blieben sie bis Anfang November und waren in gelassener, nüchterner Stimmung bereit für das Abenteuer Italien.

Dreck und Enge

Die ersten Eindrücke gaben wenig Anlass zum Schwärmen. Überall, in diesem Ausmaß nicht gekannt, Schmutz und Verkommenheit. Das ganze multipliziert mit schlechtem Wetter ließen seine Stimmung erst ab Venedig positiver werden. Padua vorher war ein Graus, Verona zwar teilweise beeindruckend, aber auch nicht wirklich einladend. Von Venedig war ihm vor allem die tolle, nächtliche Ankunft samt einer Fahrt über den Canale Grande Richtung Hotel, gleitend in voller Dunkelheit und Stille, in traumhafter Erinnerung geblieben. Von Florenz die eisige Kälte und eine katastrophale Zugfahrt Richtung Rom, in der er bei strömenden, kaltem Dauerregen, wie ein Hering im Abteil zusammengepfercht, endlich dort ankam.

Rom ein Loch

In Rom bezog er eine kleine verwanzte Wohnung (und ein Atelier) in einem wenig vertrauenerweckendem Viertel.
Auch betrat man die langen, finsteren Gänge des winkligen Hauses abends nie anders als mit dem brennenden Cerino in der einen Hand vor sich ausgestreckt und den derben Spazierstock schutz- und schlagbereit in der anderen.
Öffentliche Sicherheit war damals kein großes Thema für die päpstliche Polizei und die Erzählungen über den Maler Schweinfurth, der einen nächtlichen Angreifer töten musste, milderte das Unwohlsein nicht gerade.
So wundert es nicht, dass er zu Beginn kein Auge für die Rom typische Renaissance- und Barockarchitektur hatte und diese erst viel später schätzen gelernt hat.

Deutscher Künstlerverein

Seine Situation verbesserte sich erst, als er in dem schon seit Jahrzehnten bestehenden deutschen Künstlerverein aufgenommen wurde. Dies war, wie in Karlsruhe, als auch in Paris, mit musikalischen Abenden, Künstlergesprächen, selbst organisierten Veranstaltungen und gesellschaftlichem Leben verbunden.
Er bewunderte viele der in den Museen und Kirchen ausgestellten Gemälde und Skulpturen.

Diego Velazquez: Papst Innozenz X (1650)
Aber ich muß gestehen, daß eigentlich nur ein Bild in Rom auf mich den Eindruck vollendeter Malerei machte: das Porträt des Papstes Innocenz X. von Velazques in der Galerie Doria, ein Eindruck, der unverwischbar geblieben ist.

Arbeit und Künstlerbekanntschaften

Anton von Werner: Titelblatt zum Trompeter von Säckingen (1869)
Feder in Schwarz und rote Tusche sowie weiße Deckfarbe - 47,8 x 32,1 cm

So verging das Jahr 1868 ohne weitere besondere Vorkommnis. Für das kommenden Jahr, nachdem er sich endlich in Rom akklimatisierte, plante er, die Illustrationsarbeiten zu Scheffels Trompeter von Säckingen voranzutreiben und den Süden Italiens näher kennen zu lernen.

In dieser Zeit lernte er mehrere große Künstler in Rom kennen.
  • Von Hans Markart, obwohl sehr schweigsam und wenig anregend in der Unterhaltung, schwärmt er in höchsten Tönen.
Aber er malte, und wie! In einem leeren, kahlen Atelier, das Gegenstück von seinem später so berühmten Wiener Prunkatelier, entstand sein Bild Julie auf dem Sterbelager, während Paris mit dem Hochzeitszug naht wie aus dem Nichts heraus in kürzester Zeit. Im Atelier sah man keine Studien, auf dem Fußboden lagen nur verschiedene Fetzen Stoff, Modell habe ich bei ihm, so oft ich ihn auch besuchte, nie angetroffen, und von seinem Schaffen machte er keinerlei Aufhebens.
  • Im Gegensatz dazu wird Anselm Feuerbach beschrieben, der zu dieser Zeit an dem großen Gemälde Das Gastmahl des Plato arbeitete. Feuerbach schätze er zwar künstlerisch sehr hoch ein, aber menschlich verachtete er ihn.
Er hatte mir, zusammen mit allem, was ich in deutschen Künstlerkreisen über seine Eitelkeit und seinen Größenwahn gehört hatte, einen wenig sympathischen Eindruck gemacht - wie all jene berühmten Leute, die vor dem lieben Ich beständig auf die Knie liegen.
Anselm Feuerbach: Gastmahl des Plato (1869)
  • Ferdinand Keller war zu dieser Zeit auch in Rom. Da er aber sehr eng mit Feuerbach befreundet war, war der Kontakt zu Anton von Werner nicht sehr groß. Vom malerischen hätte er, wie Werner meinte, jedoch viel besser zum Freundeskreis Makarts gepasst.
  • Ein anderer großer Künstler, der zu dieser Zeit in Rom zu treffen war, und den er gerne viel näher kennen gelernt hätte, war der Spanier Mariano José María Bernardo Fortuny y Marsal, kurz Mariano Fortuny .
Betreffs der Wertschätzung seiner künstlerischen Bedeutung war er das gerade Gegenteil von A.Feuerbach, denn in Paris, wo ich bei Goupil sein Meisterwerk Fantaisie arabe gesehen hatte, erzählte mir dieser, daß Fortuny das Bild nicht im Salon ausstellen wollte, weil es ihm nicht vollendet oder gut genug dafür erscheine.

Schlechter Reiseführer, guter Anführer

Zu Ostern 1869 war der schon aus Karlsruhe bekannte Gönner Graf Albert Flemming zu Gast. Dieser zeigte von Werner seine Grenzen als Fremdenführer in der päpstlichen Stadt schnell auf:
Den Grafen für den Reiz der Campagna zu begeistern wollte mir auch nicht gelingen. Als wir auf einer Fahrt schon längst mitten drin in der berühmten Landschaft waren, fragter er: "Wann kommt denn die Campagna?" und äußerte auf meine Antwort, daß das eben die Campagna sei enttäuscht: "Na, hören Sie mal, da ist es doch bei mir in Buckow viel schöner, da wollen wir nun umkehren."
A. Claß und J. Niedermann: Cervara Künstlerfest 1869 nach Anton von Werner
Holzstich

Besser lief es mit dem von ihm mitorganisierten Cervara-Fest der deutschen Künstler in Rom. Dies war ein großes Ereignis mit Musikkorps und Wagenzug Richtung Festplatz samt Essgelage und Tanz. Anton von Werner selber war in fürstlicher Tracht samt Hermelinmantel der Anführer dieser bunten Gesellschaft. Einer seiner hochgeschätzten Gäste war Henri Regnault,
...der als Prix de Rome in der Villa Medici soeben seine vielbewunderte Pflichtarbeit Judith und Holofernes, zwar noch unfertig, aber ein koloristisches Meisterwerk, ausgestellt hatte.

Verträumter Süden

Das andere, verträumte Italien lernte er in den folgenden Monaten auf seinen Reisen Richtung Süden kennen.

Besuch des Tivoli und der Villa d'Este erzeugte jedoch noch nicht bei allen Beteiligten ungeteilte Freude
... und amüsierten uns nebenher köstlich über das Gejammer des behäbigen Franz Meyerheim, dem das Hinauf- und Hinunterklettern weniger Behagen als Schweiß verursachte und der deshalb unausgesetzt über das niederträchtige Leben in Italien schimpfte und Rom ein ganz elendes Drecksnest nannte, das für die Zivilisation erst erobert werden müßte.

Aber die nachfolgenden Tage in die Sabiner Bergen, Sorrent, Neapel und Capri waren so, wie man sich das romantische Italien erträumt. Die deutsche Künsterlergruppe, mit der er reiste, war eine kleine Attraktion für die Einheimischen. So lernten sie erstmals 'einfache' Italiener wirklich kennen.

Mehrfach beeindruckt war Anton von Werner von den Feuerwerkskünsten der Italiener, die eine märchenhafte Atmosphäre erzeugten.
Weiße, grüne und rote bengalische Flammen erhellten fortwährend die steilen Felswände, welche in der glutroten oder grünen Beleuchtung seltsam phantastisch in die blaue Luft hineinragten.
Das war das Italien seiner Phantasie:
Gondelfahrt, Mondschein, Illumination, Vesuv, Zitherklang und Gesang - es war eine richtige italienische Nacht, wie der Berliner sie sich denkt.
Oswald Achenbach: Nächtliches Fest der Santa Lucia (1884)
Öl auf Leinwand - 122 x 152,2 cm

Neapel wirkt so strahlend in der Nacht wie auf den Gemälden des Oswald Achenbachs. Capri, welches für ihn bisher ein unbekanntes, weißes Blatt war, glänzte deshalb umso schöner. Die sagenhafte blauen Grotte war noch blauer, als er es für möglich hielt. Die Abende voller Musik und Tarantella-Tanz blieben ihm immer in Erinnerung.  Dort in Capri begegnete er unter anderem Eduard Hübner und dem Prix de Rome Gewinner des Jahres 1868, Eduard Theophile Blanchard.

Richtung Heimat

Schon neigte sich das Jahr seines Stipendiums dem Ende zu. Im Herbst und Winter 1869 ging es über Pompeij, Assisi und Venedig Richtung Heimat.

Paolo Veronese: Das Gastmahl im Hause des Levi (1573)

In Venedig begeisterte ihn die großen Koloristen dieser Stadt und er kopierte voller Eifer und Ehrfurcht eine Madonna und ein Stück aus dem Gastmahl des Levi, beide vom großen Paolo Veronese.

Weihnachten 1869 verbrachte er im Kreise seiner Freunde und zukünftigen Gemahlin, der Tochter Adolph Schroedters.

Auf zu neuen Ufern

Seine Lehrjahre waren beendet und große Aufgaben, wie die Ausmalung der Aula des Kieler Gymnasiums, standen an. Das sich in kurzer Zeit die deutsche Landkarte radikal ändern würde, lag in der Luft, aber war so schnell nicht abzusehen...

Soweit seine Jugenderinnerungen.

Montag, 22. Dezember 2008

Ich sehe die Millionen nicht

Medien-Blindflug

Die Lobhudelei der Medien über die moderne Kunst ist manchmal unglaublich. Mal ist es hochtrabend mit scheinbar viel Tiefgang formuliert. An anderer Stelle wird mit überschwänglichsten Worten in den Himmel gelobt, dass man kaum noch glauben kann, sich auf dem Boden der Tatsachen zu bewegen.
Immer jedoch tritt eine große Überraschung auf, wenn das Geschriebene mit den realen Werken verglichen wird.
Dann ist es nicht zu begreifen, warum man soviel kaschierende Worte für ungeschickteste, dilettantische, meist hässlich und oft lächerlich wirkende Werke verwendet. Warum nicht das Ding beim Namen nennen, anstatt es verzweifelt schön zu reden.

Ein Beispiel ist der FAZ-Bericht über die große Dame der abstrakten Malerei. (Onlineartikel)

Helen Frankenthaler

Beschrieben ist eine Ausstellung in der New Yorker Gallerie Knoedler. Präsentiert wird dort die Grand Dame Helen Frankenthaler. Habe ich als Einfaltspinsel natürlich noch nie gehört. Dies wird wohl daran liegen, dass ich die Kapitel der modernen Malerei bisher immer überschlagen habe. Aber ich bin ja hier, um zu lernen.

Sie scheint auf jeden Fall eine selbstbewusste Frau zu sein, da sie die Crème de la Crème der modernen Malerei, de Kooning und Pollock, schon weit hinter sich gelassen hat.

Von Bergen und Seen

Andreas Achenbach: Norwegische Gebirgslandschaft (1840)
Öl auf Leinwand - 92 x 131,5 cm

Ihr berühmtestes Gemälde Mountains and Sea hat sie schon 1952 geschaffen. Woow, Berge und Seen und eingeschlagen haben soll es wie eine Bombe. Jetzt bin ich neugierig geworden und habe die Suchmaschine angeworfen.
Mir schwebt etwas in der Kategorie eines Andreas Achenbachs vor, aber upps, was sehe ich da? Nein, kann nicht sein. Ein Rorschach-Test in bunt. Ein paar unkoordiniert hingeschmierte Farben und zittrige Striche. Da muss ich mich wohl vertippt haben. Komisch, kriege diesen Rorschach-Test schon wieder. Dann muss im FAZ Artikel ein Schreibfehler vorliegen. Nicht aufregen, weiter lesen.

Akrobatische Kunst und Erfindergenie

Frau Frankenthaler muss einen guten Rücken haben, wie Horst Schlemmer sagen würde. Sie arbeitet nur auf dem Boden. Respekt, und das in ihrem hohen Alter.
Und sie hat etwas erfunden. Alle Großen der Großen pilgerten damals zu ihr, um die Lösung dieses Geheimnis im Stillen zugeflüstert zu bekommen.
Sie hatte es tatsächlich geschafft, dass die Farbe in die Leinwand einzieht.
Wahnsinn, Farbe zieht in die Leinwand ein und bleibt dadurch auf der Leinwand erhalten.
Damit hat sie die Brücke zu den Altmeistern der früheren Jahrhunderte gefunden, deren Farbe auch teilweise sogar heute noch, nach all den Jahrhunderten, auf den Gemälden zu erkennen ist. Ich bin geplättet. Soviel Erfindungsgeist hätte ich nicht erwartet. Unser Anstreicher bekommt das höchstens mit Tapete hin, aber Leinwand, da muss erstmal einer drauf kommen.

Eingezogene Farbe auf Leinwand ist wirklich große Kunst. Da wundert es mich nicht, und der lieben Redakteurin natürlich auch nicht, dass jedes ihrer Werke Minimum 2 Millionen Dollar kostet.

Kindergarten träumt vom Westen

Albert Bierstadt: Rocky Mountains (1866)

Ein weiteres, scheinbar fast genauso geniales Bild wie die Berge und Seen scheint Western Dream von 1957 zu sein. Western Dream. Da werde ich an die Hudson River School erinnert, welche in Pionierarbeit den Westen der USA erkundete und den staunenden Menschen, in einer Medienzeit des Schwarzweiß ohne Bildüberflutung, das unbekannte Land in einer seiner ganzen Farbenpracht näher brachte. Und Frau Frankenthaler hat auch so ein Meisterwerk geschaffen.
Aber irgendwie ist heute der Wurm drin. Ich werde auf der FAZ Seite immer wieder zu einer Kindergartenarbeit des größten Rabauken der Gruppe verwiesen. Da hat der gute 4-Jährige zwar einiges an Farbe in die Leinwand einziehen lassen und er wird es wohl auch auf dem Boden (und, da er es nicht lassen konnte, hat er auch die Wand des Kindergartens gleichzeitig mitgenommen) gemalt haben, aber, mit Verlaub, die Arbeiten der Mädchen seiner Gruppe sind wohl um einiges angenehmer zu betrachten. Unser Chaot hat einfach ein paar braune, rote und blaue Flecken, während er gerade sein Butterbrot aß, auf die Leinwand geworfen.
Und, wie es in dem Alter üblich ist, ein paar angedeutete Augen und ein, zwei Käfer zustande gebracht. Das reichte ihm.

Millionen Dollar verschwunden

Mir reicht es bald. Ich würde gerne das große, millionenschwere Meisterwerk sehen und nicht dieses von der Redaktion versehentlich vertauschte Kindergartenbild eines ihrer 4-jährigen Sprösslinge.
Was lese ich da?
von jedem naturalistischen Detail befreit

Dies kann ich nur bestätigen. In dem Alter kann man aber auch noch nicht mehr erwarten.
Und überraschend finde ich es, genauso wie sie, wenn hier in aller Öffentlichkeit die privaten Bilder der Kinder der Redaktion gezeigt werden. Wirklich eine
überraschende Intimität

Dollar im Quadrat aufgetaucht

Es ist noch von Provincetown I aus dem Jahr 1961 die Rede. Wieder Bild vertauscht, wieder millionenfach in jedem Kindergarten täglich zu sehen. Wieder ein paar zittrige farbige Linien hingeschmiert, andeutungsweise ein Viereck gemalt. Das alleine ist schon 1,5 Millionen Dollar wert. Dann aber noch der blaue Fleck in der Mitte und siehe da, schon die 2 Millionen Grenze erreicht. Jetzt noch links unten ein roter Klecks und das Bild ist schon 2,5 Millionen Dollar. So wird Geld verdient.
Wie steht es so schön geschrieben:
symmetrische Elemente mit dynamischen ein farbkräftiges Spiel

Muss ich ihr teilweise wirklich recht geben. Das angedeutete Viereck ist nicht wirklich parallel, aber die große Künstlerin hat die Strapazen auf sich genommen, die vier Striche jeweils gegenüber zu setzen.
Das ist Kunst, das ist Symmetrie. Auf die Idee muss man kommen, obwohl eine fünfte Ecke das Bild wahrscheinlich nochmal um 500000 Dollar wertvoller gemacht hätte. An der falschen Ecke mit der einsickernden Farbe gespart.
Was sie mit dynamisch meint, weiß ich nicht, aber von farbkräftig kann man bei diesen paar mickrigen, unharmonischen Farbflecken nicht wirklich sprechen.

Kunstblabla mit alten Meistern

Aber ich habe keine Lust mehr, würde gerne die Meisterwerke der Frau Frankenthaler sehen und nicht die versehentlich vertauschten.
Wie dem auch sein, die Redakteurin bringt zum Schluss, als Krönung ihres Kunstblabla, das übliche Gefasel, dass die Malerin angeblich auf ihren Reisen von den alten Meistern gelernt hat. Also in einer Tradition mit diesen steht. Wie man dieses ernsthaft schreiben und behaupten kann, ist mir völlig schleierhaft. Mehr Welten als zwischen einem Rembrandt oder einem akademischen Maler des 19. Jahrhunderts und dieser Grand Dame kann es nicht geben.

Sonntag, 21. Dezember 2008

Anton von Werner (Teil 1)

Anton von Werner, wer?


Wer soll das denn sein, kenne ich nicht. Diese Antwort würde man wohl von den meisten Deutschen erhalten. Und was man nicht kennt, ist ja, wie das Sprichwort sagt, nichts.
Dass dieser Mann aber einer der größten deutschen Maler aller Zeiten und eine der führenden Persönlichkeiten des deutschen Kunstlebens im 19. Jahrhunderts war, ist in der Regel unbekannt.
Dürer hat man wohl schon gehört, dann gibt es da noch Beuys oder wie der heißt. Dieser Immendorf war auch öfter in den Schlagzeilen, der muss wohl auch was sein, aber sonst gab es wohl keine nennenswerten Künstler aus dem deutschsprachigen Raum. Würde man ja kennen...

Bekanntes Gemälde


Anton von Werner: Die Proklamation des Deutschen Kaiserreiches (1885)
Öl auf Leinwand - 167 x 202 cm
Auch, wenn man noch nichts von ihm gehört hat, kennt man vielleicht ein Gemälde von Anton von Werner, wahrscheinlich die Krönung Kaiser Wilhelm I in Versailles (Titel: Die Proklamation des Deutschen Kaiserreiches).
Das Bild lädt zu einer Zeitreise ins Jahr 1871 ein, zu dem Augenblick der Ernennung des preußischen Königs zum deutschen Kaiser. Die Geburtsstunde der deutschen Nation. Das Gemälde ist so perfekt gemalt, dass es dem heutigen Auge mehr wie ein Foto, denn als eine malerische Erweckung eines geschichtlichen Geschehens erscheint. Die Personen wirken trotz ihres Ernstes und ihrer Andacht lebendig. Dies kann in dieser wirklichkeitsnahen Form nur von einem großen Meister auf die Leinwand gebracht werden, da jeder falsche Strich offensichtlich wäre.
Ihre Helme und Säbel glänzen im Licht des Saals, die Falten des Teppichs umrahmen gekonnt das Podest, der Marmor der Wände ist eines Alma-Tadema würdig und die realistischen Porträts der bärtigen Männergesellschaft sind alle lebensnah dargestellt.
Wie der wirkliche Vorgang genau aussah, weiß keiner mehr. Fotos gab es nicht und von Werner benutzte verschiedene künstlerische Gestaltungskniffe, um sich und seinen Auftraggeber zufrieden zu stellen. Kunstkritikern ist dies jedoch egal. Sie sehen nur ein fantasieloses, fotorealistisches Werk (wenn man den Müll sieht, den sie dahingegen höher schätzen, kann man nur mit dem Kopf schütteln). Unbefangenen Betrachtern offenbart sich jedoch ein Kunstwerk von höchster Meisterschaft, welches dieses geschichtliche Ereignis besser als tausend Worte auferstehen lässt. Denn auch wenn man nur mit einem Lächeln die Monarchie jener Tage betrachtet, sollte man dadurch seinen Blick nicht trüben lassen. Man öffne die Augen und siehe vor sich einen genialen Maler, den ich im Folgenden näher vorstellen möchte. Anton von Werner.

Autobiographie

Photo: Anton von Werner in seinem Atelier (1866)

Wer ist dieser Maler, der mit den großen seiner Zeit verkehrte und den auch die kleinen seiner Zeit kannten? Die Jahre bis 1870 schildert er in seiner Autobiographie Jugenderinnerungen, welche überraschenderweise (ich habe vorher die Kunstansichten von Johann Gottfried Schadow gelesen...) sehr flüssig und gut zu lesen sind.
Dabei tritt einem ein Mensch entgegen, der eine für seine Position ungewöhnliche, leicht ironische Art hat. Ein Mensch, der die Leiter nach ganz oben von weit unten erklommen hat, und aufgrund seines großen Talents und seiner angenehmen Art im schnellen Tempo aufstieg. Seine Abneigung gegen die neueren, katastrophalen Kunstströmungen seiner Zeit macht ihn um so sympathischer.

Kindheit (1843 - 1857)

Geboren wurde er im Jahr 1843 in eine adelige, aber zu jener Zeit nicht mehr wohlhabende Familie zu Frankfurt an der Oder. Er erlebte eine ruhige und schöne Kindheit, aber die strenge Hand des Vaters, der sein Brot nicht mehr als hoch angesehener Offizier, wie seine Vorfahren, sondern als fleißiger, einfacher Handwerker verdienen musste, war immer zu spüren. Schön zu lesen ist seine Beschreibung des Vaters:
Mein Vater hatte keinerlei Veranlassung, dem Schicksal gerade Dank- und Lobeshymnen für das Los zu singen, das es für ihn gezogen hatte, aber er hatte sich damit abgefunden und war mit Puff und Knuff in harter Arbeit durchs Leben gekommen. Seine Gemütsart war dadurch freilich nicht sonderlich nach der zarten und weichmütigen Seite hin entwickelt, also daß meine Erziehung auch nicht gerade auf eine weiche Molltonart abgestimmt war, sondern ich befand mich häufig einem bedenklichen väterlichen capricio furioso in Dur gegebenüber, aus dem mich nur das Eingreifen meiner engelsgleichen Mutter zuweilen errettete.
In der Schule war er gut und das Zeichnen machte ihm, wie nicht anders zu erwarten, viel Spaß.

Ausbildung (1857 bis 1859)

Mit 14 Jahren, also 1857, war seine Schulzeit zu Ende und sein Vater schickte ihn in die Handwerkslehre. Stubenmaler (Ornamente und Bilder in Innenräumen) sollte er werden und wurde es auch. An seinem ersten Ausbildungsplatz wurde er als billige Arbeitskraft schamlos ausgenutzt, aber nach einem Stellenwechsel legte er in der Lehrzeit die Grundlagen für seinen späteren, großen Erfolg.
Eine Ausbildung im Handwerk ist, wie heutzutage auch, keine Schmusezeit, und so wurde er, wie er freimütig bekennt, zu Beginn unter anderem wegen seines adeligen Namen von den Älteren gehänselt. Aber diese Schule des Lebens härtete ihn nur ab.
Die Arbeit selber sah er in rosigen Farben,
als etwas Hohes und Heiliges,

berichtet aber auch, im witzigen Kontrast dazu, von der anderen Art des Blickwinkels der anderen Gehilfen:
"Wer die Arbeet erfunden hat, der verdiente heute noch gehenkt zu werden!" Oder "Arbeet macht det Leben scheene - sauer!" Oder "Na, heute könnte der Tag ooch mit dem Feierabend anfangen"
Kunstakademie Berlin (1860-1862)

1959 beendete er seine Lehre und es war klar, dass er Kunstmaler werden wollte. Mit der Empfehlung seines Oberbürgermeisters Piper studierte er von 1860 bis 1862 an der Berliner Kunstakademie.
Diese Jahre sah er im Nachhinein als verlorene Zeit an. Gelernt hat er dort nicht viel. Das meiste konnte er vorher schon.
So beschreibt er die Art zu Korrigieren des Professors Herbig folgendermaßen:
Als ein Schüler ihn fragte:"Malt man die Lichter (beim Kopfmalen) eigentlich kalt und die Schatten warm?", antwortete Herbig mit salomonischer Weisheit:"Ja, sehn Sie, det is so'ne Sache, der Eene machts so und der Andere umgekehrt, und et jeht ooch."
Passend dazu ist auch die Beschreibung eines Wettbewerbs der Kompositionsklasse, der dadurch beendet wurde, dass die Frau des Kastellans (Aufsichtsbeamter, also jemand wie Tom Gerhard als Hausmeister Krause) die Atelierräume im Dachgeschoss zum Aufhängen ihrer Wäsche gebrauchte.

Kunstakademie Karlsruhe (1862-1866)

So reifte in ihm bald der Entschluss, Berlin den Rücken zu kehren und, aufgrund einer Empfehlung von Professor Adolph Schroedter, nach Karlsruhe, an die dortige Akademie zu wechseln. Mit Schroedter verband ihm schnell eine aufrichtige Freundschaft und bald auch mit der Familie des Direktors der Kunstschule, dem weltberühmten Carl Friedrich Lessing. Von diesem hat er, nach eigenem Bekunden, allein in ihren Gesprächen mehr über die Kunst gelernt, als in allen praktischen Vorlesungen zusammen.
Das kleine, übersichtliche Karlsruhe kam seinem Naturell sehr entgegen. Es war eine familiäre Atmosphäre, in der viel diskutiert, musiziert, aufgeführt und politisiert wurde.
Neben Persönlichkeiten aus dem kulturellen und politischen Leben der Badener Gesellschaft, lernte er in diesen Jahren damals schon bekannte oder später bekannt gewordenen Maler wie Feodor Dietz, Ludwig Knaus, Moritz von Schwind, Ferdinand Keller, Hans Thoma, Arthur von Ramberg oder Emanuel Leutze kennen.


Anton von Werner: Gemäldeentwurf zum 30ten Geburtstag Osterroths (1866)
Bleistift
Teilweise war sein Kalender unter anderem wegen der Proben der verschiedensten Geburtstagsfeiern seiner vielen Bekannten so voll gestopft, dass er kaum Ruhe hatte, seine eigenen Bilder, so wie gewünscht, weiter zu entwickeln.

Reisen
In all den Jahren reiste er häufig durch die Länder des Deutschen Bundes. So besuchte er Leipzig, Weimar, Dresden, und auch München, Stuttgart, Worms oder Köln. Ein kurzer Besuch 1865 von Paris, seiner ersten Auslandsstation, hinterließ keinen wirklich begeisterten Eindruck bei ihm. Von Werner war enttäuscht von der großen Stadt. Außer Notre-Dame und dem Louvre hat er nicht viel Positives zu berichten. Von den Malern beeindruckten scheinbar nur Meissonier und Delacroix, da er nur sie erwähnt.

Anekdoten
Schön zu lesen sind kleine Anekdoten aus dieser Zeit, die seine Gelassenheit und seine humorvolle, unkomplizierte Art widerspiegeln.
Eine handelt von der Reise zum Weimarer Künstlerfest 1863, bei der er, aufgrund eines außerplanmäßigen Aufenthalts, in Frankfurt übernachten musste. Gemeinsam mit einem älteren, ihm bis dahin unbekannten Mann, macht er sich auf die Suche nach einer Übernachtungsmöglichkeit in der ziemlich überfüllten Stadt.
Wir fanden endlich in einer Bierwirtschaft ein Zimmer mit zwei Betten im Dachgeschoß, dessen Tür aber kein Schloß hatte, während das Fenster nicht zu schließen war, weil man eine mächtige schwarz-rot-goldene Fahne hinausgesteckt hatte; außerdem krachte in der Nacht noch mein Bett zusammen, und ich fiel hinaus. Es war recht gemütlich und ich dachte: diese Vergnügungsreise fängt gut an.
Eine andere schöne Geschichte ist die Beschreibung des Dichters Dr. Wilhelm Jordan, der den Tick hatte, zu jeder Zeit und immer wieder sein Nibelungenepos Siegfrieds Tod vorzutragen.
...als ich eines Nachmittags bei Scheffel war und Herr Dr. Wilhelm Jordan gemeldet wurde. Scheffel machte ein bedenkliches Gesicht und meinte: "Er wird doch nicht?"... aber schon war er in der Tür; mit rotseidener, flattender Krawatte, aber ohne Manuskript - wir atmeten auf, aber zu früh. Denn verbindlich lächelnden Antlitzes erklärte er - während Scheffels immer länger wurde -, daß er jetzt nicht mehr lese sondern rhapsodiere und uns nun Siegfrieds Tod als Rhapsode vortragen würde. Scheffels dringender Hinweis auf einige Flaschen echten Nürnberger Biers, die er im Keller habe und deren Inangriffnahme für die herrschende Temperatur und die gerade dafür passende Tageszeit besonders empfehlenswert erschiene, bliebt zunächst wirkungslos. Scheffel ergab sich wohl oder übel schließlich dem Verhängnis und ließ, neben Jordan auf dem Sofa sitzend, mit halbgeschlossenen Augen Angstvoll Siegfrieds Tod über sich ergehen.
Politische Spannungen
Das angenehme, familiäre Klima in Karlsruhe erkaltete seit dem Jahre 1865. Grund waren die nicht zu übersehenden Spannungen im Deutschen Bund, zwischen den kleindeutsch preußischen Anhängern und der meist großdeutschen Österreich-Fraktion, der auch Baden angehörte. Dies führte 1866 zu einer offenen Feindschaft zwischen den anwesenden fremdländischen Künstlern (also der großen Nichtbadener-Künstlerkolonie, zu der der Preuße Anton von Werner genauso gehörte wie Lessing oder Schroedter) und den Badener, angeführt durch den Wiener Hans Canon.
..., und Direktor C.F. Lessing lud alle seine Freunde ein, wenn es zum schlimmsten kommen, sich mit ihm in seiner Amtswohnung zu verbarrikadieren, wo er Schießzeug und Munition in Hülle und Fülle habe...
Zu Kriegsausbruch 1866 spitze sich die Lage zu, aber zum Glück eskalierte die Situation nicht aufgrund der schnellen Beendigung des Kriegs.

Erfolge
Aus künstlerischer Sicht erzielte er 1866 seine ersten großen Erfolge.


Anton von Werner: Kompositionsskizze zum Michael-Beer Stipendium : Josephs Wiedersehen mit seinem Vater in Ägypten (1866)
Bleistift laviert

So gewann er an der Berliner Akademie ein Stipendium der Michael-Beer Stiftung, verbunden mit einem einjährigen Aufenthalt in Italien, den er 1868 antrat. Zur Vorbereitung dieser Reise nahm er Italienisch-Unterricht, welches neben Französisch seine zweite Fremdsprache wurde.

Anton von Werner: Luther vor Cajetan (1865)
Öl auf Leinwand - lebensgroße Halbfiguren

Auf der großen Akademieausstellung 1866 in Berlin wurde sein Bild Luther vor Cajetan preisgekrönt.
Es lief also nicht schlecht für den 23-jährigen jungen Maler und im folgenden Jahr 1867 galt er schon als so beachtenswert, dass eines seiner Bilder bei der Weltausstellung in Paris akzeptiert wurde. Davon später mehr...

Samstag, 20. Dezember 2008

Was ist Kunst?

Merkwürdige Ansichten
Was Kunst ist, ist eine Frage, die seit Jahrhunderten gestellt wird, aber wohl nie so merkwürdig beantwortet wurde, wie im 20. Jahrhundert.
  • Kunst muss neu sein,
  • Kunst wird durch technisches Können behindert,
  • Kunst muss anecken und unklar sein,
  • in jedem steckt ein Künstler.
Solche Ansichten wären in früheren Zeiten verlacht wurden oder hätten mindestens zu Kopfschütteln geführt. Aber unserem Ohr klingen solche Phrasen der Heiligsprechung des Nichtskönnertums nicht mehr fremd, da tausendfach gehört und dann wohl richtig. Und in fast jeder Kunstschule oder modernem Museum ist dies auch lehrbuchmäßig umgesetzt, oder?
Was wirklich Kunst ist
Was es wirklich mit Kunst auf sich hat, ist natürlich etwas ganz anders.
Kunst kommt zuerst und als wichtigstes von Können.
Wer sein Handwerk nicht versteht und perfekt beherrscht, ist verloren. Ein Sportler, der immer über seine eigenen Beine fällt, wird nie ein Weltklasse-Läufer.
Ein Maler, der nicht mittels jahrelanger Arbeit Herr seiner Linien, Farbabstufungen, Übergänge und Perspektiven geworden ist, kann nie ein Künstler werden. Er wird immer ein Nichtschwimmer sein, der davon träumt, sich frei wie ein Fisch in den Weiten des Meeres zu bewegen. Erst, wenn er die handwerkliche Basis gelegt hat, kann er seine Ideen umsetzen.
Diese eigentliche triviale Erkenntnis scheint heute an den Kunstschulen in Deutschland nicht mehr von Interesse zu sein.
Grelle Farben, welche vom nicht erlernten Umgang mit Farben und Farbabstufungen ablenken sollen, tausend Perspektivfehler, welche das fehlende zeichnerische Können absichtsvoll und tiefgründig erscheinen lassen. Und das A und O sind möglichst schiefe, hässliche Darstellungen von allem und jedem, um angeblich auf die Schrecken der Welt hinzuweisen (da alles andere ja sowieso Kitsch ist). In Wirklichkeit ist dies darin begründet, dass das Malen eines realistischen Bildes jeden noch so kleinen Fehler offensichtlich werden lässt, da der Mensch jede Sekunde seines Lebens mit offenem Auge realistische Bilder gesehen hat, und kleine Ungenauigkeiten direkt erkennt.
Wer nichts kann, kann auch kein Bild komponieren!
  • Können ist also die wichtigste und einzig klar festlegbare Voraussetzung für Kunst.
  • Ein Kunstwerk wirkt, unabhängig vom Künstler
  • oder der Absicht des Künstlers.
  • Es hat eine technische Qualität, die man bewundert
  • und die nicht einfach kopiert werden kann. (Das Dilettanten wie Picasso, Klee, Matisse und Konsorten in Massen gefälscht werden, ist ein offensichtliches Resultat des fehlenden Könnens)
  • Es erzählt eine Geschichte oder beschreibt eine Gegend, einen Gegenstand oder Person
  • Ob ein Bild als Illustration oder eigenständiges Kunstwerk betrachtet wird, ist völlig egal.
  • Das Ergebnis zählt und dafür interessiert weder der Auftraggeber noch die Motivation des Künstlers.
So hat das folgende dilettantische Bild eines Jungen von Malevich, wenn es nicht seine Signatur hätte, null Wert und hat nichts, aber auch gar nichts in einem Museum zu suchen, wo es jedoch zu finden ist.
Kasimir Malevich: Junge (1928-1932)

Hingegen ist das Gemälde eines Mädchens von Bouguereau (einer der größten Maler aller Zeiten, aber natürlich in den Kunstbüchern unserer Zeit ignoriert) zeitlos schön, auch wenn es von Hans Mustermann aus Bienenbüttel gemalt wäre:


William Bouguereau: Une Vocation (1890)


Was meiner Meinung nach ins Reich der Subjektivität gehört, ist,
  • ob ein Bild bis in das kleinste Detail mit viel Liebe ausgemalt sein sollte, oder der Maler sich, wie man es so einfach nennt, aufs Wesentliche konzentriert und das Beiwerk Beiwerk sein lässt.
  • Ob die Pinselstriche des Malers erkennbar sind oder nicht.
  • Eine Gattungshierachie der Malerei.
  • Was ein Bild ausdrücken sollte, also z.B. etwas Erhabenes, Ideales, Schönes, Hässliches oder Provokatives.

Sonntag, 7. Dezember 2008

Genie vs. Unbekannt (Teil 1)

Die Geschichte der Malerei des 19. Jahrhunderts wird völlig verfälscht in den Medien präsentiert. Die Darstellung ist meist folgende:
Es gab zu Beginn des 19. Jahrhunderts den klassizistischen Maler David, dann kam Ingres und Delacroix und dann gab es scheinbar viele Jahre überhaupt niemand erwähnenswertes, bis endlich die Impressionisten, vorbereitet durch Courbet, das Licht der Bühne erblickten und die Malerei Richtung Cubismus, Expressionismus und Co. führten.
Das jedoch in der Zeitspanne von 1840 bis zum 1. Weltkrieg die größten Maler aller Zeiten gelebt und gearbeitet haben, wird verschwiegen. Dies ist natürlich verständlich, da ein Vergleich dieser großen Meister mit den dilettantischen Resultaten von Cezanne, Picasso, Klee, Mondrian und Konsorten deren fehlendes Können offen legen würde.
Deshalb bereitet es mir eine Freude, Bilder der großen Genies mit denen der unwürdigen akademischen Maler des 19. Jahrhunderts zu vergleichen.
Eines der Kunst-Standardgeschichtswerke für Dummys ist die Geschichte der Malerei von Wendy Beckett. In ihr ist die Kunstgeschichte, wie nicht anders zu erwarten, beschrieben wie oben skizziert. Die Bilder bis zum 19 Jahrhundert sind auf hohem Niveau. Dann jedoch, zum Ende des 19. Jahrhunderts und hinein ins 20te werden die Bilder immer dilettantischer, kindischer, schlechter. Können, was bei den Künstlern anderer Jahrhunderte so hoch gelobt und besungen wird, scheint ab diesem Zeitpunkt für die liebe Nonne, Frau Beckett, nicht mehr zu zählen. Austauschbare Bilder von ungeschickter Hand, deren Wert einem neutral blickenden Menschen völlig unerklärlich sind, werden als große Werke gepriesen. Groß natürlich nur, weil sie die Unterschrift von X, Y oder Z tragen. Von Frau Mustermann gemalt, würde dies niemand interessieren.

Paul Cezanne vs. Oswald Achenbach
Einer der großen Vorreiter dieses dilettantischen Realismus und 'Wegbereiter der Moderne' ist der gute alte Paul Cezanne (1839-1906). Verlacht von seinen Zeitgenossen ist heute jede Buchhandlung mit seinen Büchern überfrachtet. Als eines seiner großen Meisterwerke hat Frau Beckett das Bild(Gemälde wäre übertrieben) Le Chateau Noir(1900-1904) gewählt. In unverständliche Worten und typischem Kunstblabla preist sie das Bild.
Licht... als Vibration tief im Inneren eines jeden Bildgegenstands,
Jede Form hat wirklich Substanz...,
...daß ein Gemälde sowohl kompositorisch überzeugend als auch formal unabhängig sein sollte.

Vergleichen möchte ich es mit einem ähnlichen Gemälde des in Vergessenheit geratenen akademischen Maler Oswald Achenbach(1827 - 1905), Villa d'Este in Tivoli(1892). Oswald Achenbach ist der jüngere Bruder des damals weltberühmten Andreas Achenbach, der gleichzeitig sein erster Lehrer war. Oswald verbrachte mehrere Jahre in Italien und wurde später zum Professor in seiner Heimatstadt Düsseldorf ernannt. Berühmt war er vor allem  wegen seiner detaillierten, lebendigen Bilder des italienischen Lebens. Er erhielt Ehrenprofessuren und Goldmedaillen in mehreren Ländern und die Mitgliedschaft in der französischen Ehrenlegion.

Frage:
Vom Bildaufbau sind beide Bilder ähnlich gestaltet. Eine relativ dunkle Stimmung, Bäume und Vegetation, man blickt von links auf ein(e) Schloss/Villa und im rechten Bildteil ist ein blauer Himmel zu sehen. Ich möchte jedoch, um die nicht wirklich vorhandene Spannung aufrecht zu halten, erst am Ende erwähnen, welches Bild von dem genialen, weltberühmten Cezanne ist und welches von dem nicht erwähnenswerten Achenbach :-)

Vegetation:
Der erste Maler hat sich mit seinem angedeuteten Baum, farblich ganz ansprechend, auf den einfachen Weg gemacht. Alles sehr flach und leblos gemalt, wohl seinem Können entsprechend.


Auf dem anderen Bild sind in detaillierter Form und mit viel Geschick die verschiedensten Gräser dargestellt. Ich habe schon eine Vermutung, wer das nicht beachtenswerte Häuflein Elend ist und wer das Genie. Mal weiter sehen...

Himmel:
Blau ist er ja, aber das waren die Himmel auf meinen Kinderbildern auch. Blau, aber was noch? Dunkel sieht es aus, sowohl für den Himmel, als auch für den Maler. Der kann ja gar keine Brise in den Himmel zaubern, alles flach und langweilig.


Dagegen ein lebendiger Sonnenuntergang in den verschiedensten Farbabstufungen auf dem anderen Bild. Das rötliche der untergehenden Sonne schluckt die letzten blauen Strahlen des Himmels. In dieser Bildwelt würde man gerne einen Abend verbringen, in der ersten Welt wohl an der blauen,  vom Himmel kommend Farbe ersaufen...

Gebäude:

Die grellen Farben sind zwar geblieben, aber dass in dieser comicartigen, zittrig gepinselten Schlosswelt jemals ein Mensch gelebt hat, darf man jenem fiktiven Wesen auf keinen Fall wünschen.


Im Gegensatz dazu die im wechselnden Abendlicht leuchtenden, festen Mauern der schönen italienischen Villa. Fenster sind nicht nur als unbeholfener Strich, sondern plastisch zu erkennen. Ein Gebäude, welches, im Gegensatz zu dem Krickel-Krackel-Schloss des ersten Bildes nicht beim ersten Wind davon getragen wird.

Gesamtwirkung:
Das wichtigste an einem Bild ist jedoch seine Gesamtwirkung, und da wird das große Genie in seiner vollen Größe erstrahlen. Oder etwa nicht?

Cezanne: Le Chateau Noir (1900-1904)
Öl auf Leinwand - 74 x 97 cm

Mein ungeschultes Auge sieht auf jeden Fall nur ein schrecklich schlecht gemaltes Bild. Tausendfach jeden Abend in den Abendkursen der Volkshochschule nachmalbar. Ohne Signatur hätte dieses dilettantische, leblose Bild null Wert. Es kann nicht zu den Meisterwerken der Menschheitsgeschichte gezählt werden, so blind kann niemand sein.

O. Achenbach: Villa d'Este in Tivoli (1892)
Öl auf Leinwand - 119,5 x 150 cm
Das andere Bild ist ein wirklich stimmungsvoller Blick auf eine südliche Landschaft. Es gibt Details zu entdecken und macht Freude auf einen Urlaub in südlichen Gefilden.

Auflösung:
Das Musterbeispiel dilettantischen Realismus, das blaue Bild, ist, wie nicht schwer zu erraten war, von Cezanne. Das Könnerbild von Achenbach. Mir ist es und bleibt es ein Rätsel, wie jemand dies, wie Frau Beckett, anders sehen kann.

Sonntag, 23. November 2008

Dilettantischer Realismus und Kunstblabla

Zwei Begriffe möchte ich kurz erläutern, die ich öfter verwende:

Dilettantischer Realismus und Kunstblabla. Beide sind angelehnt an Schlagwörter des Internet Kunstkritikerspapsts Mani Deli, welcher unter anderem die Begriffe No-Skill Realism und Artspeak geprägt hat.

Dilettantischer Realismus

No-Skill Realism ließ sich zwar genauer mit Nichtskönner Realismus übersetzen, aber da mir der Beigeschmack in Verbindung mit wenig Können, den Dilettantismus heutzutage besitzt, so gut gefällt, verwende ich dieses Wort. Also dilettantisch nicht in dem ursprünglichen Sinn einer Person, die, obwohl es nicht ihr eigentlicher Beruf ist, beispielsweise zeichnet oder malt (und dies ohne negative Qualitätsbeurteilung), sondern in dem Sinne, dass jemand künstlerisch tätig wird, ohne es zu können. Auch wenn die Kunst sein Beruf sein sollte oder er sie lehrt, so wie es heutzutage ja die Regel fast ohne Ausnahme in Deutschland ist.
Mit Realismus ist in diesem Zusammenhang weniger die Darstellung des 'echten Leben' gemeint (etwa im Sinne der Realismusdebatte des 19. Jahrhundert), sondern 'gegenständliche' Malerei.

Kunstblabla

Kunstblabla wird, wie ich eben mittels der Suchmaschine erfahren habe, öfter verwendet. Kunstblabla ist hohles Geschwafel, um Inkompetenz zu kaschieren und salonfähig zu machen. Eine wunderbare Beschreibung stammt von Mani Deli, welche hier zu finden ist.

Hildebrandt: Model mit Bart schadet dem Professor



Ferdinand Theodor Hildebrandt, Die Ermordung der Söhne Eduards, 1835 

Eng aneinander geschmiegt, einer in den Armen des anderen liegend, schlafen die beiden Kinder den Schlaf der Gerechten. Neben ihnen liegt ein Gebetsbuch und ein Rosenkranz, der scheinbar, kurz bevor die Augen zufielen, von ihnen noch benutzt wurde. Jedoch sind diese beiden unschuldigen Knaben nicht alleine. Zwei finster drein blickende Männer sind zu dieser späten Stunde in ihre Kammer eingedrungen. Einer der beiden hat den Vorhang bei Seite geschoben, der andere mit einem kräftigen Griff die Decke entfernt. Das Bild zeigt den Augenblick, wo die beiden Erwachsenen innehalten, und die schlafenden Kinder betrachten. Was jetzt geschieht, lässt sich erahnen, da eine Hand des linken Mannes fest einen Dolch umklammert. Beschrieben ist hier eine Szene aus Shakespeares Tragödie, Richard III. Richard hatte die Königskrone an sich gerissen, obwohl die beiden, als Kinder des früheren Königs Eduard IV, die eigentlich erbberechtigten Könige sind und Eduard der 5te es für kurze Zeit schon war. Aus Angst vor zukünftigen Rachetaten wurden die beiden Kinder in den Tower gesperrt und später ermordet. Was wirklich in dem Tower mit ihnen geschah, konnte von den Historiker nicht eindeutig geklärt werden. Diese schaurige Szene wurde von mehreren großen Malern in Szene gesetzt. Die wohl bekannteste Fassung ist die 4 Jahre frühere Version von Paul Delaroche. Was hat dies alle mit Lehrern, Modeln und ungeliebten Bärten zu tun? Ich lese gerade in dem Buch 'Kunstwerke und Kunstansichten' von Johann Gottfried Schadow [teilweise mühsam zu lesen, aber für einen Kunstgeschichte interessierten Leser geeignet, vor allem aufgrund der sehr ausführlichen Kommentare. Habe mir auf jeden Fall vorgenommen, es ganz zu lesen. Mal sehen, ob ich es schaffe :-)] Dort erwähnt er eine Begebenheit zur Berliner Akademieaustellung 1834. König Friedrich Wilhelm IV besucht die Ausstellung in Begleitung J.G. Schadows. Eines der Bilder ist ein Porträt des Malers Jakob Becker gemalt von Schadows Sohn Wilhelm. Becker ist mit einem für die damalige Zeit neumodischen (und politisch inkorrekten) Bart abgebildet. Zum Kauf angepriesen, wurde es vom König mit dem nicht ganz praktikablen Kommentar abgelehnt:
"Erst den Bart abscheren"
Das waren noch Zeiten... Aber ich vermute, die Ehre des Künstlers war am Ende doch stärker als der Wille des Königs. Vielleicht hatte sich Becker diesen Bart nur wachsen lassen, weil er wohl für einen der beiden Mörder (der Rechte, siehe Radierung) in Hildebrands Gemälde Model stand. Und nun vermasselt dieser Bart seinen Lehrer, Wilhelm von Schadow, den Verkauf an den König. Und die Moral von der Geschicht, model mit Bart nicht.

PS: Es wäre wohl etwas weit gegriffen, zu behaupten, die Ursache dafür, dass Model heutzutage (2008) fast nie Bart tragen, hätte mit dieser Begebenheit zu tun.

Freitag, 21. November 2008

Gute Freunde stehen zusammen

Von Kanzlern, Mediengurus und Professoren

Was sehe ich heute als Schlagzeile in der Onlineausgabe der Bildzeitung? Wie der Zufall es will, wieder etwas zur Düsseldorfer Kunstakademie.

Ein, wie ich finde, hässliches, ungeschickt gemaltes Bild eines Totenkopfs. Ein Vanitas Bild der schlechten Sorte.

Ich vermute, dies ist von einem pubertierendem 13-jährigen Gothicanhänger, der seine Kunstlehrerin im Kunst Grundkurs erschrecken möchte. Die schön verstreuten schwarzen Riesenkleckse bestätigten dies nur.
Aber halt, was lese ich da. Es ist von einem Malerfürsten!?

Ein sehr frühes Werk des damals 4-jährigen Hans Makart oder Franz von Lenbach etwa?

Nein. Jetzt lese ich genaueres. Es ist vom "Maler-Fürst Prof. Markus Lüpertz", dem Rektor der Düsseldorfer Kunstakademie. Ach so, ob er ein Fürst ist, weiß ich nicht, aber mit Malen, wie ich es verstehe, hat dies nichts zu tun. Oh, es haben sich sogar Gäste die Mühe gemacht, ihr warmes Heim zu verlassen, um dieses so wunderbare Beispiel des dilettantischen Realismus zu betrachten. Es werden wohl seine Freunde sein. Stimmt.

Rosarote Brille festigt Freundschaft

Der Herr Alt-Kanzler Schröder hat etwas zu sagen:
„Der Totenschädel ist eine Form ohne Inhalt. Vielleicht ist es als Kritik an Medien, Gesellschaft und Politik gemeint.“

Verstehe, "Form ohne Inhalt". Form, sehr richtig, die ließ sich nicht vermeiden. Aber ohne Inhalt finde ich etwas unverschämt. Der Totenkopf ist schon halbwegs zu erkennen. "Vielleicht ist es...", vielleicht auch nicht. Egal, das Bild wird dadurch auch nicht besser. Eben das typische Kunstblabla, um einem ungeschickten Bild einen Wert zu geben.

Bild-Chef Diekmann hat auch eine Meinung:
„kantig, wuchtig, hart, ehrlich“

Guter Mann. "kantig", da kann ich ihm nur zustimmen. Kantig ist die Malweise auf jeden Fall. "wuchtig" finde ich unpassend, egal, aber "hart" ist es, so etwas Anpreisen zu müssen und "ehrlich" ist der Maler auf jeden Fall, da er sein Können ohne Angst frei zur Schau stellt.

Ernst nehmen muss man solch eine Lobhudelei nicht. Bedenklich stimmt es aber schon, wenn im deutschsprachigen Raum, soweit mir bekannt, keine Akademie/Hochschule mehr existiert, bei der Kunst noch mit Können in Verbindung gebracht wird. In China, Russland, Italien und dem englischsprachigen Raum (siehe Link) ist dies noch oder wieder teilweise anders.

Arme Studenten

Akademische Tradition

Viele große Künstler sind akademische Maler des 19. Jahrhunderts. Jehan Georges Vibert, Lawrence Alma-Tadema, Jean-Leon Gerome, Ludwig Deutsch, Anton von Werner oder Karl Theodor von Piloty, um nur einige zu nennen.
Diese akademische Tradition hat jedoch im 20. Jahrhundert einen großen Bruch erfahren, welcher zu katastrophalen Entwicklungen in der Kunst führte.

Einmal die Suchmaschine des Vertrauens anwerfen. Google hat bei Eingabe von 'Kunst' und 'Akademie' die traditionsreiche Düsseldorfer Kunstakademie als ersten Eintrag ermittelt. Von mir so bewunderte Künstler wie Carl Friedrich Lessing oder Andreas Achenbach sind untrennbar mit der Düsseldorfer Malerschule verbunden. Was ist aus dieser großen Tradition geworden? Wie ist der Stand der Akademie im deutschsprachigen Raum heute? Um es vorweg zu nehmen, wie ich finde, ein sehr trauriger Stand.
Akademie heute
Ich gehe zur Startseite und auf den ersten Blick fällt auf, dass weit und breit kein Link zu den Arbeiten der dort Lehrenden ersichtlich ist. Bei einer Schule, die unter anderem das Malen lehren möchte, würde ich das erwarten.
Warum soll ich dort studieren, wenn man sich nicht mal traut, Werke der Lehrer anzupreisen? Die Erfahrung zeigt, dass man von solchen Schulen/Akademien besser nicht zu viel erwarten sollte. Alles andere wäre großer Optimismus.

Dilettantischer Realismus
Die umständlich zu findenden Studierendenarbeiten(siehe unter Rundgang) bestätigen dies nur. Typischer dilettantischer Realismus. Ein Niveau, welches Mitleid erregt für die Studierenden, die mit kaum vorhandenen Fähigkeiten zukünftig ihren Unterhalt verdienen müssen. Verglichen mit den Schülerarbeiten der Akademien des 19. Jahrhunderts fehlt den Werken durchgehend die notwendige Zeichnung, Komposition, Farbgebung.
Aber woher sollen sie es auch lernen. Mal den Link zu den Informationen für Bewerber und Studierende folgen und die wenig kunstvoll gestaltete Infobroschüre öffnen.

Lehrer die nichts lehren können und arme Studenten
Dort findet sich ein Leitfaden, der aus meiner Sicht neben viel pathetischem Gerede (Stolz zu sein hier, Stolz zu sein da, Stolz zu sein dort) schon im einleitenden Zitat den KO-Schlag für die Glaubwürdigkeit als Kunstschule enthält.
"Kunst ist nicht lehrbar. Es gibt keine Regeln für die Kunst;"

Da wird mir angst und bange, wenn ich so etwas lese. Der gute Friedrich Wilhelm von Schadow (der bekannte frühere Direktor der Akademie) würde sich im Grab umdrehen, wenn er dies lesen müsste. Und das unglaubliche ist, dieses Zitat ist bewusst gewählt. Ja, Sie meinen es ernst. "Es gibt keine Regeln für die Kunst", "nicht lehrbar". Schön. Nicht lehrbar!
Warum sollte ich denn überhaupt bei euch studieren? Nichts lernen kann ich auch zu Hause und meine Fehler immer wieder machen auch.
Nichts lehren und keine Regeln impliziert die ach so hoch geschätzte Kreativität und Innovationslust. Da haben eure nicht vorhandenen Lehrerbeispiele und Studierendenarbeiten bestimmt einiges zu bieten.
Stimmt, jetzt sehe ich es. Eine beeindruckende Papiertüte auf dem Kopf, wunderbar. Schreckliche grelle Farben gewählt. Perspektive extra nicht beachtet. Respekt. Da haben die Schüler des angeblich so großen Herrn Immendorf wirklich fleißig nichts gelernt und Regeln missachtet. Schöne schlecht gemalte Papiertüte. Arme Studenten.
Natürlich ist Kunst lehrbar und es gibt hunderte Regeln für die Malerei, wie für jede andere Tätigkeit, welche Talent, Können, Fleiß und nochmals Fleiß verlangt, um wunderbares zu leisten. Warum wohl haben alle großen Maler, über die Jahrhundert hinweg, viele Jahre der Ausbildungszeit benötigt. Weil dies Zeitverschwendung war? Weil sie es nicht besser wussten? Nein, weil man erst, wenn man die Grundlagen beherrscht, diese zum kreativen Schaffen verwenden kann.

Denn Kunst kommt von Können und ohne Können keine Kunst!

Daumen hoch

  • äußerst schöner und hochwertiger Blog (per Mail) 
  • lots of interesting pictures and articles on 19th century painting (rationalpainting.org)
  • Daumen hoch (Moderator http://kreuzgang.org/)
  • sehr schön geschrieben! (Kommentar Blog)
  • übrigens ein sehr interessanter Link. Besonders gefällt mir der Beitrag zum Expressionismus (cosmiq.de)
  • auch ich schätze ihre Seite sehr (Kommentar Blog)
  • weil Bilder und Inhalt zusammen so herausragend waren (Kommentar Blog)
  • habe mich hier gerne umgesehen und kann mich in vielen Dingen nur Ihrer Meinung anschließen (Kommentar Blog)
  • witzig empfand ich ihren Kommentar zu den einzelnen Bildern (Kommentar Blog)
  • Ein interessanter Blog mit wirklich guten Artikeln, die ich immer wieder gerne lese (Kommentar Blog) 
  • Großartig, ich lese hier endlich mal genau das, was ich mich schon immer nicht traute, laut auszusprechen (Kommentar Blog)
  • Dieser Blog trifft meiner Meinung nach den Nerv der Sache (Kommentar Blog)
  • was sie schreiben spricht mir voll aus der Seele (Kommentar Blog)
  • Sie sprechen mir aus der Seele (Kommentar Blog)
  • Über ihren Artikel habe ich mich sehr gefreut und mit großem Interesse gleich auch all' die anderen verschlungen (Kommentar Blog)
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  • Diese Seite hat mich immer wieder erheitert, obwohl ich nicht mit allem einverstanden war (Kommentar Blog)
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  • Immer interessant, wenn man den Humor nicht vergisst! (Forum http://de.geschichte-chronologie.de)
  • Sie sind der erste deutschschrachige Blog der sich dieser Aufgabe annimmt. (Kommentar Blog)
  • It is truly wonderful! It is truly one of the best pieces anyone has ever written about me and my work.  (Brad Kunkle)
  • Dein Blog hält mich schon stundenlang von der Arbeit ab. So informativ und spannend! Danke für die tolle Vorstellung so vieler Maler, die wesentlich mehr Öffentlichkeit verdienen (Kommentar Blog)
  • Danke, für die tollen Berlin-Eindrücke!!:) Ich muss da hin! (Kommentar Blog) 
  • Ein interessanter Beitrag, der in mir den Wunsch weckt, mal Berlin zu besuchen (Kommentar Blog) 
  • auf denen man stundenlang seine Zeit verbringen kann (Forum http://www.dunkles-leben.de/forum/
  • Sehr gut gemachte Menzel-Zusammenfassung (Kommentar Blog) 
  • Hab noch was zum Schmunzeln gefunden (Forum http://www.fotocommunity.de/forum/fotografie-allgemein).
  • Wirklich sehr amüsant, danke  (Forum http://www.fotocommunity.de/forum/fotografie-allgemein).
  • dein Statement spricht mir aus der Seele, beeindruckende Arbeit (Kommentar Blog) 
  • Super, danke, gut gelacht! (Kommentar Blog) 
  • Ich bin überglücklich diese Seite gefunden zu haben. Denn ich suche schon lange nach Infos. (Kommentar Blog)

Warum dieser Blog?

Hi. Es wird in Deutschland ein völliges verzerrtes Bild der Künste in den Medien vermittelt. Der größte Mist wird als Kunstwerk dargestellt, der größte Dilettant als genialer Künstler. Auffallen heißt In-sein. Damit der Blick wieder frei wird für schöne Werke, schreibe ich diesen Blog. Habe es mir auf jeden Fall vorgenommen.
Es wird keine Systematik geben oder ein Zeitplan herrschen. Ich beschreibe einfach das, was ich gerade lese oder mich beschäftigt.