Ich sehe die Millionen nicht
Die Lobhudelei der Medien über die moderne Kunst ist manchmal unglaublich. Mal ist es hochtrabend mit scheinbar viel Tiefgang formuliert, an anderer Stelle wird mit überschwänglichsten Worten in den Himmel gelobt, sodass man kaum noch glauben kann, sich auf dem Boden der Tatsachen zu bewegen.
Ein Beispiel ist der FAZ-Bericht über die große Dame der abstrakten Malerei. (Onlineartikel)
Helen Frankenthaler
Beschrieben wird eine Ausstellung in der New Yorker Galerie Knoedler, in der die Grand Dame Helen Frankenthaler. Ich habe als Einfaltspinsel natürlich noch nie von ihr gehört. Dies wird wohl daran liegen, dass ich die Kapitel der modernen Malerei bisher immer überschlagen habe. Aber ich bin ja hier, um zu lernen.
Sie scheint auf jeden Fall eine selbstbewusste Frau zu sein, da sie die Crème de la Crème der modernen Malerei, wie de Kooning und Pollock, schon weit hinter sich gelassen hat.
Von Bergen und Seen
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Andreas Achenbach: Norwegische Gebirgslandschaft (1840) Öl auf Leinwand - 92 x 131,5 cm |
Akrobatische Kunst und Erfindergenie
Frau Frankenthaler muss einen guten Rücken haben, wie Horst Schlemmer sagen würde. Sie arbeitet nur auf dem Boden. Respekt, und das in ihrem hohen Alter. Und sie hat etwas erfunden. Alle Großen der Großen pilgerten damals zu ihr, um die Lösung dieses Geheimnisses im Stillen zugeflüstert zu bekommen. Sie hatte es tatsächlich geschafft, dass die Farbe in die Leinwand einzieht. Wahnsinn, Farbe zieht in die Leinwand ein und bleibt dadurch auf der Leinwand erhalten. Damit hat sie die Brücke zu den Altmeistern der früheren Jahrhunderte gefunden, deren Farbe auch heute, nach all den Jahrhunderten, auf den Gemälden noch zu erkennen ist. Ich bin geplättet. Soviel Erfindungsgeist hätte ich nicht erwartet. Unser Anstreicher bekommt das höchstens mit Tapete hin, aber Leinwand, da muss erstmal einer drauf kommen.
Eingezogene Farbe auf Leinwand ist wirklich große Kunst. Da wundert es mich nicht, und die liebe Redakteurin natürlich auch nicht, dass jedes ihrer Werke mindestens 2 Millionen Dollar kostet.
Kindergarten träumt vom Westen
Ein weiteres, scheinbar fast genauso geniales Bild wie Mountains and Sea scheint Western Dream von 1957 zu sein. Western Dream. Da werde ich an die Hudson River School erinnert, welche in Pionierarbeit den Westen der USA erkundete und den staunenden Menschen, in einer Medienzeit des Schwarzweiß ohne Bildüberflutung, das unbekannte Land in seiner ganzen Farbenpracht näherbrachte. Und Frau Frankenthaler hat auch so ein Meisterwerk geschaffen. Aber irgendwie ist heute der Wurm drin. Ich werde auf der FAZ-Seite immer wieder zu einer Kindergartenarbeit des größten Rabauken der Gruppe verwiesen. Da hat der gute 4-Jährige zwar einiges an Farbe in die Leinwand einziehen lassen, und er wird es wohl auch auf dem Boden (und, da er es nicht lassen konnte, hat er auch die Wand des Kindergartens gleichzeitig mitgenommen) gemalt haben, aber, mit Verlaub, die Arbeiten der Mädchen seiner Gruppe sind wohl um einiges angenehmer zu betrachten. Unser Chaot hat einfach ein paar braune, rote und blaue Flecken, während er gerade sein Butterbrot aß, auf die Leinwand geworfen. Und, wie es in dem Alter üblich ist, ein paar angedeutete Augen und ein, zwei Käfer zustande gebracht. Das reichte ihm.
Millionen Dollar verschwunden
Mir reicht es bald. Ich würde gerne das große, millionenschwere Meisterwerk sehen und nicht dieses von der Redaktion versehentlich vertauschte Kindergartenbild eines ihrer 4-jährigen Sprösslinge. Was lese ich da?
von jedem naturalistischen Detail befreitDies kann ich nur bestätigen. In dem Alter kann man aber auch noch nicht mehr erwarten.
überraschende Intimität
Dollar im Quadrat aufgetaucht
Es ist noch von Provincetown I aus dem Jahr 1961 die Rede. Wieder Bild vertauscht, wieder millionenfach in jedem Kindergarten täglich zu sehen. Wieder ein paar zittrige farbige Linien hingeschmiert, andeutungsweise ein Viereck gemalt. Das alleine ist schon 1,5 Millionen Dollar wert. Dann aber noch der blaue Fleck in der Mitte und siehe da, schon die 2-Millionen-Grenze erreicht. Jetzt noch links unten ein roter Klecks und das Bild ist schon 2,5 Millionen Dollar wert. So wird Geld verdient.
symmetrische Elemente mit dynamischen ein farbkräftiges SpielDa muss ich ihr teilweise wirklich recht geben. Das angedeutete Viereck ist nicht wirklich parallel, aber die große Künstlerin hat die Strapazen auf sich genommen, die vier Striche jeweils gegenüber zu setzen. Das ist Kunst, das ist Symmetrie. Auf die Idee muss man kommen, obwohl eine fünfte Ecke das Bild wahrscheinlich noch mal um 500.000 Dollar wertvoller gemacht hätte. An der falschen Ecke mit der einsickernden Farbe gespart. Was sie mit "dynamisch" meint, weiß ich nicht, aber von "farbkräftig" kann man bei diesen paar mickrigen, unharmonischen Farbflecken nicht wirklich sprechen.
Kunstblabla mit alten Meistern
Aber ich habe keine Lust mehr, würde gerne die Meisterwerke der Frau Frankenthaler sehen und nicht die versehentlich vertauschten. Wie dem auch sei, die Redakteurin bringt zum Schluss, als Krönung ihres Kunstblabla, das übliche Gefasel, dass die Malerin angeblich auf ihren Reisen von den alten Meistern gelernt hat. Also in einer Tradition mit diesen steht. Wie man das ernsthaft schreiben und behaupten kann, ist mir völlig schleierhaft. Mehr Welten als zwischen einem Rembrandt oder einem akademischen Maler des 19. Jahrhunderts und dieser Grand Dame kann es nicht geben.
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