Montag, 26. Januar 2009

Nanna und ihre Männer

Beim Stöbern in meinen Kunstbüchern entdeckte ich eine Gemeinsamkeit von Lord Frederic Leighton, Anselm Feuerbach und Ferdinand Keller, die sich für einen kleinen Bericht gut eignet.

Gemeinsame Könner
Ich meine nicht das Offensichtliche, dass sie Maler waren. Große angesehene Könner dazu. Professoren an renommierten Kunstakademien.
  • Leighton an der damals hoch angesehenen Royal Academy of Art, deren Geschicke er über viele Jahre (1878-1896) als Präsident leitete. Er war somit nicht nur einer der besten, sondern auch einer der einflussreichsten britischen Maler des 19. Jahrhunderts.
  • Feuerbach für kurze Zeit (1873-1876) Professor an der Akademie der Bildenden Künste in Wien, jedoch aufgrund einer brisanten Mischung seines nachdenklich, depressiv und gleichzeitig egomanen Naturell nicht als Lehrer geeignet.
  • Und, last but not least, der wehrte Ferdinand Keller, stolze 40 Jahre (1873-1913) Professor für Historienmalerei an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe.

Gemeinsam unbedeutend
Nein, dies meine ich nicht.

Dass alle drei eben erwähnten Akademien heute nur noch ein trauriges Bild abliefern und keine Verbindung mehr zu den großen Meistern des 19. Jahrhunderts aufweisen, auch nicht.

Leighton, Feuerbach (mit Einschränkungen, dies hat aber, aus meiner Sicht, weniger mit seinem Werk als mit seiner Person zu tun) und Keller werden von der modernen Kunstgeschichtsschreibung als langweilige, penible Akademiker verlacht oder ignoriert.

Aber dies ist auch nicht das Gesuchte.

Gemeinsamer Geschmack
Was denn? Okay, ich will es verraten.

Es hat damit zu tun, dass alle drei mehr oder weniger lange Zeit in der großen, geschichtsträchtigen Stadt Rom lebten. Und ihnen dort eine Frau begegnete, deren Antlitz sie für die Ewigkeit festhielten.

Ob diese Dame eine Berühmtheit war wie heutige Model a la Heidi Klum oder Naomi Campbell, weiß ich nicht. Aber ihr Name klang den Ohren eines Kunstkenners des späteren 19. Jahrhunderts bestimmt wohlvertraut.

Anna Risi
Anna Risi, oder Nanna Risi, oder Nanna genannt.

Eine große (sie soll mehrere Köpfe größer als Feuerbach gewesen sein, aber vielleicht war Feuerbach auch nur so klein...), schwarzhaarige Italienerin mit einem melancholisch wirkendem Gesicht und vornehmer Statur. Ihr dichtes, zu einem Mittelscheitel gekämmtes, oft hochgestecktes langes schwarzes Haar, ihre ausgeprägte Nase und ihre großen Augen sind neben ihrer Größe die hervorstechendsten Merkmale.

Heutzutage würde sie vielleicht aufgrund ihrer Nase nicht mehr in die erste Riege der Topmodel aufsteigen, aber für den noch nicht von der Bilderflut des 20. Jahrhunderts überwältigten Nordeuropäer des 19. Jahrhunderts war sie bestimmt eine selten gesehene exotische Schönheit.

Leightons Nanna
'Entdeckt' hat sie wohl Leighton, der den Winter 1858/1859 mal wieder in Rom verbrachte. Vielleicht ist sie ihm vorgestellt worden. Oder aber, wie es von Feuerbach heißt, zufällig auf dem Weg zu seinem Studio entdeckt.

Begeistert war er auf jeden Fall von ihr, da Leighton in dieser kurzen Zeit gleich eine kleine Serie von mindestens fünf Bildern von ihr malte.

Frederic Leighton: Pavonia(1858-1859)
Öl auf Leiwand - 53 x 41,5 cm

Drei Gemälde sind mir bekannt, alle in halb oder dreiviertel-Ansicht. Auf allen dreien trägt sie eine weiße Perlenkette und ein weißes Hemd, welches auf Brusthöhe von einem durchgehenden, dickeren Stoff, wohl einem Kleid, umwickelt ist. Diese Art der Kleidung ist auch auf den Bildern der anderen Künstler zu sehen, wird also wohl eine zeitgenössische Tracht gewesen sein.


Frederic Leighton: A Roman Lady (La Nanna)_(1858-1859)

Auf diesem, wie auch dem vorherigen Porträt, schaut Nanna den Betrachter selbstbewusst an. Dieser direkte Blickkontakt findet sich auf keinem der Gemälde Feuerbachs (habe später doch ein einziges entdeckt) oder Keller wieder, die eine andere, in Gedanken versunkene Nanna zeigen wollten.


Frederic Leighton: Bildnis Nanna Risi(1858-1859)

Leighton reichte Bilder dieser Serie zur großen Londoner Ausstellung des Jahres 1859 ein. Drei wurden akzeptiert und ernteten viel Lob.
Der Kritiker der einflussreichen Zeitung Athenaeum schrieb, dass Leighton, nach einer kleinen Durststrecke, mit diesen Bildern wieder zurück auf der Bühne der großen Kunst sei.
Seine Köpfe der italienischen Damen dieses Jahres sind eines jungen Altmeisters würdig, - so begeisternd, etwas gefühlvolleres, beherrschendes oder eine kühle Schönheit ausstrahlendes, haben wir seit längerer Zeit nicht mehr gesehen.

Feuerbachs Nanna



Anselm Feuerbach: Foto um 1849

Im Jahre 1860 tritt Anselm Feuerbach in ihr Leben. In diesem Zusammenhang erfährt man mehr über Anna Risi selber.

Sie wird wohl Mitte bis Ende der 30er Jahre des 18. Jahrhunderts geboren sein. Nanna ist verheiratet mit einem Schuster aus dem Handwerkerviertel Trastevere (auch die Geliebte von Feuerbachs Vorbild Raffael, Margharita Luti, soll aus diesem Viertel stammen) und soll Mutter mehrerer Kinder sein (an anderer Stelle ist von einem Kind die Rede). Sie lebt in Rom und arbeitet gelegentlich als Model für ausländische, gutbetuchte Maler.


Anselm Feuerbach: Nanna Profil nach links (1861)
Öl auf Leinwand - 73,5 x 55,5 cm



Soweit, so gut. Aber ihr Leben wird komplett umgekrempelt, als sie Feuerbach kennenlernt.

Anselm Feuerbach: Foto um 1870

Dieser gut aussehende (laut dem digitalen Katalog der Staatsgalerie Stuttgart soll Feuerbach eher unansehnlich gewesen sein und sie ihn unter anderem deswegen später verlassen haben. Die beiden Fotos zeigen, dass dies Quatsch ist), gebildete, oft über seine Verhältnisse lebende Dandy, erblickt in ihr die klassisch zeitlose römische Schönheit, welche er für seine Gemälde bisher vergeblich suchte. Er verliebt sich, überhäuft sie mit Geschenken, sie ist fasziniert von ihm (und vielleicht seinem Geld...) und wird seine Geliebte.

1861 verlässt Anna Risi ihren Mann und ihre Kinder und zieht zu Feuerbach. So die Kunstgeschichtsschreibung aus Sicht Feuerbachs. Aus Sicht ihres Mannes wäre sie wohl eher als Rabenmutter bezeichnet worden, die ihren Mann und ihre Kinder wegen eines reichen Schnösel aus dem Norden, der ihr das blaue vom Himmel versprach, verlässt. Wie dem auch sei, zurück zur Kunstgeschichte.


Anselm Feuerbach: Nanna Profil nach links (1861)Öl auf Leinwand - 74,5 x 62 cm

Ihr Anblick bezauberte nicht nur Feuerbach. So berichtet sein Freund Julius Allgeyer von der ersten Begegnung mit ihr:
Die Frau, eine Erscheinung von geradezu imponierender Hoheit, mochte Mitte der zwanzig sein. Eine Last von dunklen Haaren umrahmte die strenge, von einem melancholischen Ausdruck gemilderten Züge, deren Schnitt von der reinsten römischen Abstammung zeugte.

Anselm Feuerbach: Nanna Profil nach rechts (1862)Öl auf Leinwand - 99,3 x 73,7 cm

Feuerbach war fasziniert von ihr. Er malte Nanna, wie er sie nannte, immer und immer wieder. Eine Quelle erwähnt 28 Gemälde.


Anselm Feuerbach: Iphigenie 1 Fassung (1862)Öl auf Leinwand - 249 x 174 cm

Dargestellt ist sie sowohl auf mythologischen-, religiösen-, literarisch,- klassischen Erzählungen, als auch auf unzähligen Porträts.


Anselm Feuerbach: Nanna Profil nach links (1861)Öl auf Leinwand - 64 x 51 cm

So klagt seine Förderer Adolf Friedrich Graf von Schack:
wieder dasselbe Gesicht wie auf der Pieta und der Francesca

Anselm Feuerbach: Nanna mit Perlenkette und Fächer (1862)
Öl auf Leinwand - 101 x 82,3 cm

Auf fast jedem dieser Gemälde ist sie in Profil zu sehen, mit nach unten gesenktem oder in die ferne gerichteten Blick.


Anselm Feuerbach: Poesie 2te Fassung (1863)
Öl auf Leinwand - 62 x 50 cm

Somit hebt Feuerbach weniger ihr 'kalte Schönheit', wie Leightons Bilder beschrieben wurden, sondern eher die sinnierend, melancholische Seite hervor.
Ihr melancholischer Anblick kann jedoch eine ganz reale Ursache haben. Eine schwere Herzkrankheit. Zitat Feuerbach:
Mein armes Model hat eine unheilbare Herzkrankheit, weswegen ich das Rauchen gelassen habe, und es ist anzunehmen, dass ich der Letzte vielleicht bin, dem es vergönnt ist, die Züge nachzubilden. Sie kommt gerne zu mir, und ich mache immer viele Späße, um sie aufzuheitern und aufzuscheuchen aus dem Ernst an den Gedanken eines unvermeidlichen Unterganges.

Anselm Feuerbach: Nanna als Virginia oder Schwarze Dame (1861)
Öl auf Leinwand - 118,5 x 97,5 cm

Feuerbach war kein einfacher Liebhaber. Er raste ewig vor Eifersucht und war aufgrund seiner egomanen Züge nicht länger für Nanna ertragbar. So verließ ihn Anna Risi Ende 1865 und machte sich mit neuem Liebhaber, einem reichen Engländer, mit der Hoffnung auf ein besseres Leben, in Richtung Süden auf.

Der Verlust schmerzte Feuerbach anfangs sehr, aber schon im Jahre 1866 konnte ein neues Model Namens Lucia Brunacci seiner Vorstellungen von zeitloser, klassischer Schönheit entsprechen.
Als Ende 1868 Anna Risi bettelnd zu ihm zurückkam, das Abenteuer mit dem Engländer hatte sich wohl zerschlagen, wies er sie in seiner typischen Art ab:
So wird es allen gehen, die sich an meinem Genius versündigt haben.

Kellers Nanna
1869 trat für kurze Zeit ein anderer deutscher Maler auf die Bühne ihres Lebens.
Ferdinand Keller. Dieser reiste im November 1867 nach Rom und verweilte dort, bis auf kurze Reisen in die Heimat, bis ins Jahr 1870 hinein.
Keller befreundete sich in Rom mit Anselm Feuerbach, in dessen Bann er in dieser Phase zeitweise stand.
Zitat Anton von Werner aus seinen Jugenderinnerungen:
Dennoch schloß er sich in Rom Feuerbach an und war ihm auch an seinen Bildern als Mitarbeiter behilflich.

Ferdinand Keller: Bildnis Nanna Risi (1869)
Öl auf Leinwand - 114,5 x 75,5 cm
Wie und wo er Anna Risi kennen lernte, wusste Ferdinand Keller selber nicht mehr. Wohl nicht über Feuerbach, dies wäre naheliegend gewesen und hätte Keller bestimmt behalten.
Vielleicht durch jemand aus dem erweiterten Freundeskreis Feuerbachs. Das Verhältnis von Nanna zu Feuerbach war jedenfalls abgeschlossen, aber gedanklich für Nanna nicht wirklich beendet. So berichtet Keller:
Diese noch immer schöne, königliche Erscheinung, die Feuerbach um mehrere Kopflängen überragte, hat mir von der Leidenschaft ihres verflossenen Freundes viel berichtet. Ehe sie von der ebenso schönen Lucia Brunacci als Modell und Geliebte Feuerbachs abgelöst wurde, hätte sie, aus Furcht vor seiner grenzenlosen Eifersucht, nie gewagt, mein oder irgend ein anderes Atelier zu betreten.

Keller wurde später bekannt als badischer Makart. Zu dieser Zeit war er wohl noch auf der Suche nach seinem Stil.


Ferdinand Keller: Bildnis Nanna Risi schräg von hinten(1869)
Öl auf Leinwand - 60,5 x 48,5 cm

Die Porträts der Anna Risi entstehen noch unter dem Einfluss Feuerbachs. Die Profildarstellung, mit in der Ferne schweifenden Blick, könnte auch von Feuerbach stammen.


Ferdinand Keller: Nanna Risi als Ariadne (1869)
Öl auf Leinwand - 224,3 x 135,5 cm

Das letzte Bild Kellers, Nanna Risi als Ariadne, ist unvollendet geblieben, da er vor allem bei der Komposition der Figur nicht sein glücklichstes Händchen bewies und so wohl keinen Sinn sah, das Gemälde fertig zu stellen.

Dunkel der Zeit
Im Laufe der Jahre wurde Anna Risi noch von anderen Künstler gerne als Model gewählt.
So ist aus dem Jahre 1866 ist eine Studie von Albert Hertel bekannt und ein Porträt von Nathanael Schmitt aus dem Jahre 1874.
Was später mir ihr geschah, ob sie zum Beispiel früh an ihrer Herzkrankheit erlag, konnte ich keiner Quelle entnehmen.

Ihr Antlitz ist jedenfalls durch Porträts drei großer Maler verewigt worden. Und wer kann dies schon von sich behaupten.

Nachtrag
Dieser Artikel ist im Januar 2009 entstanden. Zu diesem Zeitpunkt gab es noch keinen Wikipedia-Artikel oder ähnliches über sie. Dank der großen Ausstellung Nanna. Anselm Feuerbachs Elixier einer Leidenschaft des Museum Wiesbaden im Jahr 2013 hat sich dies geändert und Nanas Leben ist nun wissenschaftlich dokumentiert. Das hier Beschriebene gilt aber weiterhin und wurde nur durch nebensächliche Details ergänzt.

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