Abschied im Klang der Buddenbrooks

Vergangenheit und Zukunft

John Singer Sargent - Carnation, Lily, Lily and Rose (1885 ca.)

Ich habe diesen Blog zwischen 2008 und 2017 geführt und ihn ausklingen lassen, um mich einem anderen Projekt zu widmen. In all diesen Jahren habe ich versucht, aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln zu beschreiben, warum Kunst von Können kommt. Irgendwann war alles gesagt. Jede weitere Zeile wäre nur eine Wiederholung in anderen Worten gewesen.

Seitdem sind neun Jahre vergangen. Wir stehen heute an der Schwelle zu einer anderen Welt. Obwohl die Künstliche Intelligenz noch in den Kinderschuhen steckt, gehört die Sprache bereits jetzt zu den Bereichen, in denen sie fantastische Ergebnisse erzielt. Eine kurze Vorgabe genügt, und sie erzeugt in Echtzeit Texte in jedem gewünschten Stil und Umfang. Inhaltlich ist vieles noch fehlerhaft, doch die Form ist stets strukturiert und wohlklingend. Vermutlich haben einige damit längst Preise eingeheimst, und ihre menschlichen ‚Autoren‘ sind dabei nicht einmal rot geworden. Auf Knopfdruck lässt sich das Internet mit Beiträgen für und wider die moderne Kunst überfluten. Das eigene Schreiben wird altmodisch erscheinen, und viele werden es verlernen, so wie einst die Kunstfertigkeit der Maler vergangener Zeiten beinahe verloren ging.

Als kleine Brücke in dieses neue Zeitalter möchte ich einen letzten Blogeintrag veröffentlichen. Darin soll der Kern meines Blogs, die Idee, dass Kunst aus Können erwächst, in der wunderbaren Sprache der Buddenbrooks noch einmal mithilfe der KI aufscheinen. Ein kleiner Blick in vergangene Zeiten, ermöglicht durch genau jene Technologie, die alles verändern wird.


I. Als fiktive Rede – Thomas Buddenbrook, nach dem Sonntagsessen im großen Speisesaal, Ende 1896, vor Familie und ein paar alten Freunden

Anton von Werner - Das Gastmahl der Familie Mosse (1899)

„Meine Lieben, meine guten Freunde,  

gestattet einem alten Mann, der spürt, dass seine Tage nicht mehr unzählbar sind, heute einmal ganz offen und ohne Rücksicht auf die feinen Konventionen der Gesellschaft zu sprechen.  

Ich habe in den letzten Jahren, wenn ich durch die Straßen dieser Stadt ging, durch die Kunstausstellungen, durch die Zeitungen blätterte, etwas beobachtet, das mich tiefer betrübt, als ich es vor euch ausdrücken kann. Es ist, als hätte sich die Welt entschlossen, eine alte, ehrwürdige Ordnung zu verraten – die Ordnung nämlich, dass Kunst etwas mit Arbeit zu tun hat, mit jahrelanger, demütiger, manchmal demütigender Arbeit; kurz: dass Kunst von Können kommt.  

Früher, als ich noch jung war und in Paris und München die Galerien besuchte, da standen Bilder, vor denen man unwillkürlich den Hut zog – nicht weil sie ‚provokativ‘ waren oder weil ein kluger Mann davor stand und erklärte, was sie alles bedeuteten, sondern weil man sah: Hier hat jemand sein Leben hingegeben. Jemand hat zehntausend Stunden gezeichnet, bis seine Hand nicht mehr zitterte, wenn sie eine Schulter modellieren sollte. Jemand hat im Winter bei Petroleumlicht studiert, wie das Licht auf Seide fällt, auf Pelz, auf Fleisch. Jemand hat Niederlagen erlitten, Leinwände zerschnitten, von vorn begonnen – und am Ende stand da etwas, das für sich selbst sprach, ohne dass ein Katalogtext von fünfzehn Seiten nötig gewesen wäre.  

Und heute?  

Heute sehe ich Leinwände, die mit drei Farbklecksen versehen sind, und daneben einen Text von dreißig Seiten, der erklärt, warum diese drei Flecke eine Kritik am Patriarchat, am Kapital, am Kolonialismus, am Blick des weißen Mannes seien. Ich sehe junge Leute, die nie ein Modell länger als fünf Minuten betrachtet haben, die nie die Anatomie eines Armes wirklich verstanden haben – und die doch mit der größten Selbstverständlichkeit von ‚ihrer Kunst‘ sprechen.  

Ich will nicht rückständig sein. Ich weiß, dass die Zeit sich dreht, dass neue Fragen kommen, neue Empfindungen. Aber ich frage euch: Kann man Fragen stellen, wenn man die Sprache nicht beherrscht? Kann man Empfindungen ausdrücken, wenn man das Handwerkszeug nicht wirklich in der Hand gehalten hat?  

Für mich, und ich sage das mit der ganzen Ruhe eines Mannes, der bald vor einen anderen Richter treten wird: Ohne Können gibt es keine Kunst. Es gibt Ideen. Es gibt Haltungen. Es gibt Geschäfte. Es gibt Karrieren. Aber Kunst – die stille, dauerhafte, die über den Tod des Schöpfers hinaus weiteratmet – die gibt es nur dort, wo ein Mensch die Materie bezwungen hat. Wo er die Farbe gezwungen hat zu leuchten, das Licht zu wandern, die Form zu atmen.  

Und darum sage ich euch, ohne Bitterkeit, aber auch ohne Nachgiebigkeit: Lasst euch nicht täuschen. Wenn ihr ein Bild seht und müsst erst lesen, was es bedeuten soll – dann ist es kein Bild. Dann ist es ein Plakat mit verlängertem Text.  

Die wahre Kunst braucht keine Erklärung. Sie ist Erklärung. Sie ist das Ergebnis von Können. Und wo Können fehlt, da bleibt am Ende nur Lärm – lauter, immer lauter werdender Lärm, bis er uns alle taub gemacht hat.“


II. Als innerer Monolog – Jean Jacques Hoffstede, der alte Kunsthändler, allein in seinem halbdunklen Kontor, nach Mitternacht, vor einem letzten Glas alten Madeira

Rembrandt - Porträt eines alten Mannes in Rot (1652/54 ca.)

„… wieder einer dieser Kataloge auf dem Tisch. Wieder diese endlose Kaskade von Wörtern: ‚Dekonstruktion des männlichen Blicks‘, ‚hybride Identitäten im postkolonialen Raum‘, ‚performatives Scheitern als Widerstandspraxis‘… und darunter ein Bild, das aussieht, als hätte ein Fünfjähriger mit den Fingern in der Farbe geplanscht.  

Warum tut es eigentlich noch weh?  

Weil ich es einmal anders kannte. Weil ich vor Leinwänden stand, auf denen die Farbe noch roch – nach Terpentin, nach Schweiß, nach jahrelangem Ringen. Weil ich Künstler kannte, die tagelang hungerten, nur um eine einzige Lasur richtig hinzubekommen. Weil ich weiß, wie lange es dauert, bis ein Schatten wirklich rund wird, bis ein Übergang nicht mehr sichtbar ist, bis ein Weiß wirklich leuchtet und nicht nur hell ist.  

Und nun das.  

Nun diese sonderbare Inflation. Alles darf Kunst heißen. Jede Geste. Jede Absicht. Jede Provokation. Jede Verweigerung. Nur das eine nicht mehr: das wirkliche, mühsam erworbene, mit tausend kleinen Niederlagen bezahlte Vermögen, etwas zu gestalten, das länger als eine Vernissage dauert.  

Manchmal denke ich, ich bin einfach alt geworden. Ein Relikt. Ein Fossil aus einer Zeit, in der man noch glaubte, dass ein Bild etwas sein müsse, bevor man es benennen könne.  

Aber dann gehe ich in den kleinen Raum hinten, wo ich die alten Sachen aufbewahre – ein kleiner Menzel, ein Rembrandt, ein Vibert – und ich setze mich davor, und plötzlich ist alles wieder da: die Stille, die Würde, die Demut vor dem Gegenstand. Kein Text. Kein Konzept. Nur das Ding selbst, das sagt: Ich bin hier, weil jemand mich wirklich konnte.  

Und ich merke: Es ist keine Nostalgie. Es ist keine Sentimentalität.  

Es ist eine Art von Gerechtigkeit, die man dem Handwerk schuldet.  

Dem Pinsel. Der Hand. Dem Auge, das gelernt hat zu sehen.  

Kunst kommt von Können.  

Der Rest – all die schönen, klugen, zynischen, verzweifelten Worte – der Rest ist nur Wind, der über eine leere Leinwand streicht.“


III. Als literarischer Essay – in der Art eines späten, melancholischen Feuilletons, wie es um 1925 in einer hanseatischen Zeitung hätte erscheinen können

Jean-Georges Vibert - The committee on moral books (1866)

Es gibt Wahrheiten, die so einfach sind, dass man sie fast für trivial halten könnte – und die doch, je länger man sie betrachtet, eine ganze Welt in sich zu bergen scheinen.  

„Kunst kommt von Können.“  

Wer diesen Satz heute noch mit Überzeugung ausspricht, begibt sich in eine Art von freiwilligem Exil. Er wird nicht mehr eingeladen, nicht mehr zitiert, nicht mehr ernst genommen. Er gehört einer vergangenen Epoche an, einer Epoche, in der man noch der irrigen Meinung war, ein Künstler müsse zuerst einmal beherrschen, was er tut, bevor er das Recht habe, es zu verweigern, zu zerstören oder ganz einfach zu lassen.  

Und doch liegt gerade in dieser scheinbaren Rückständigkeit eine tiefe, fast schon provokante Radikalität. Denn der Satz verweigert sich der Inflation, die der Begriff „Kunst“ in unseren Tagen erfahren hat. Er verweigert sich der Vorstellung, dass bloße Absicht, guter Wille, gesellschaftskritische Gesinnung oder auch nur die Fähigkeit, einen einleuchtenden Text zu schreiben, ausreichten, um ein Ding in den Rang der Kunst zu erheben.  

Er besteht darauf, dass es eine Qualität gibt, die nicht verhandelbar ist: die Qualität des Gemachten. Die Qualität des Beherrschten. Die Qualität des bis zur letzten Konsequenz Durchgearbeiteten.  

In einer Zeit, in der die begleitenden Texte oft länger sind als die eigentliche Arbeit, in der die Signatur mehr wiegt als das Bild, in der der Markt nicht mehr kauft, was gemalt ist, sondern was gerade „diskutiert“ wird – in einer solchen Zeit wirkt dieser eine kleine, hartnäckige Satz wie ein stiller, aber unnachgiebiger Protest.  

Er erinnert daran, dass es einmal eine Ordnung gab, in der das Handwerk nicht bloß Mittel war, sondern Substanz. In der man nicht „Position bezog“, sondern Form schuf. In der man nicht „Diskurs betrieb“, sondern Licht führte. In der man nicht „Dekonstruktion vollzog“, sondern Anatomie verstand.  

Vielleicht ist diese Ordnung unwiederbringlich verloren. Vielleicht hat der Geist der Zeit sie endgültig hinter sich gelassen.  

Und doch: Solange es noch Augen gibt, die beim Anblick eines wirklich gemalten Bildes – eines Bildes, das aus Wissen, Geduld, Schmerz und Können entstanden ist – eine Art von Rührung verspüren, eine Rührung, die keines Kommentars bedarf, solange lebt in diesem einen Satz die Erinnerung an etwas, das größer war als der jeweilige Zeitgeist:  

Die Würde der vollendeten Form.  

Die Ehre der beherrschten Materie.  

Die stille, unerbittliche Wahrheit, dass Kunst – wenn sie denn Kunst sein will – von Können kommt. Und dass alles andere, so klug, so laut, so zeitgemäß es auch sein mag, am Ende nur Schatten ist, der über eine leere Leinwand gleitet.

Kommentare