Samstag, 17. Oktober 2009

Ideenklau und intime Küsse


Keine Angst vor bärtigen Römern


Im deutschsprachigen Internetraum gibt es fast keine Seite, die sich mit den wahren Meistern der Kunst des 19. Jahrhunderts beschäftigt. Dieses Problem haben englischsprachige Leser nicht. Ein empfehlenswerter Blogs ist sicherlich beardedroman.com. Dort werden häufig wenig bekannte akademische Künstler und ihre Geschichten vorgestellt. Immer in einer Art geschrieben, die den verdienten Respekt vor der Arbeit und Leistung dieser Meister entlockt. Hier ist keine trockene Ansammlung von Fakten zu finden, sondern eine leicht zu lesende, kenntnisreiche Beschreibung der damaligen Zeit.

Etwas für Erbsenzähler

Nur bei einem Bericht, der sich mit Adolph Menzel beschäftigt, habe ich Erbsenzähler was zu korrigieren, da es über die Hauptakteure interessanten Klatsch zu verbreiten gibt.

Ernest Meissonier - Selbstportät

Menzels Werdegang wird treffend beschrieben, nur sein Bezug zu Frankreich wird verzerrt dargestellt. So wird seine Freundschaft mit Ernest Meissonier und die regelmäßigen Besuche der französischen Hauptstadt hervorgehoben. Das wirkt fast so, als ob ein lebenslanger Kontakt zwischen den beiden bestanden hätte. Dies war jedoch nicht der Fall. In Frankreich war Menzel nur dreimal im Rahmen der großen Ausstellungen 1855, 1867 und 1868 in Paris. Und der Freundschaftsbegriff wird in Bezug auf Meissonier auch etwas arg strapaziert. Vielleicht übersetzt ich es auch falsch, und der Autor meinte eher ein freundschaftliches Verhältnis. Wie dem auch sei, lassen wir mal die Fakten sprechen.

Kleine Riesen

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert war besagter Meissonier nicht irgendwer, sondern der bestbezahlte Künstler weltweit. Bewundert von seinen Kollegen fiel sein Name immer dann, wenn Vergleiche im ganz großen Maßstab anstanden.

Sein kleineres Pendant im deutschsprachigen Raum war Adolph Menzel. Und klein ist hier bestimmt das richtige Wort. Denn beide, sowohl Menzel als auch Meissonier, konnten kaum über eine höhere Tischkante blicken. Menzel war nur 1,40 groß und der Franzose maß auch nicht sehr viel mehr und wurde auch mal spöttisch als 'ein rechter Gnom' bezeichnet.


Adolph Menzel - Foto

Beide wurden von Außenstehenden, die sie nicht näher kannten, als grimmig, abweisend und nur mit Vorsicht zu genießende Zeitgenossen beschrieben. Nach persönlichem Kennenlernen sah das dann oft nicht mehr ganz so schlimm aus.

Es gab jedoch auch Unterschiede.

Menzel galt als Meister der Zeichnung, Lithographie, Gouache und was weiß ich nicht alles, jedoch war seine Ölmalerei und Farbgebung teilweise umstritten. Meissonier war ohne Frage der König der kleinformatigen, minutiös detaillierten Ölmalerei.


Ernest Meissonier - Das Portät des Sergeanten (1874)
Öl auf Leinwand (73 x 62 cm)

Meissonier war verheiratet, hatte zwei Töchter (soweit ich mich erinnere, vor kurzem gelesen zu haben) und verbrachte viel Zeit mit Sport. Schwimmen, Fechten und Reiten waren seine Metiers. Alles Dinge, für die der ganz für seine Kunst lebende, unverheiratete Menzel, kein Auge und keine Zeit hatte.
Adolph Menzel - Atelierwand (Studie)

Die beiden kleinen Männer waren jedoch in der Kunstwelt Riesen. Und im Reich der Zwerge können sich Riesen nicht auf Dauer übersehen. So wundert es also nicht, dass sich ihre Wege kreuzten.

Perfektionist

Meissonier war Perfektionist. So wie Menzel. Meissonier war bekannt dafür, dass seine Bilder nicht nur einfach ein Ereignis einer vergangenen Zeit beschreiben, sondern bis ins kleinste Kostümdetail den historischen Gegebenheiten gerecht werden. Für die Schnellschüsse unserer Zeit ist das natürlich überflüssiger pedantischer Schnickschnack, aber für den an Geschichte interessierten Betrachter ist dies ein zusätzlicher Bonus, der den Blick auf die kleinste Nebensächlichkeit locken kann, und das Bild noch bewundernswerter macht.

Ernest Meissonier - Die Kartenspieler (1872)
Öl auf Leinwand (40 x 30,5 cm)

Aus dem Nähkästchen

1862 trafen beiden Maler erstmals aufeinander. Diese und die folgende Begegnung 1867 werden wunderbar von Paul Meyerheim beschrieben, der uns einen Blick hinter die Kulissen der beiden Maler gewährt. Meyerheim war selber ein Meister des Pinsels. Jedoch, aufgrund der Verehrung der größten expressionistischen Dilettanten, welche kaum eine gerade Linie zeichnen können, sind seine liebevollen, unterhaltenden Kunstwerke fast in Vergessenheit geraten. Schade.


Paul Meyerheim - In der Tierbude (1894)

Jedenfalls beschreibt er manch lustige Eigenheit der beiden Künstler. Das Menzel ein Original der speziellen Sorte war, ist mir bekannt. Aber das Meissonier ebenfalls ein schräger Vogel war, wusste ich nicht.

Schlacht mit falschem Ausgang

Meissonier plante 1862 ein Bild über 'Napoleons' Schlacht bei Leipzig. Er reiste deshalb nach Berlin, um sich dort mit alten Uniformen einzudecken. Nachfolgend wollte er dann nach Leipzig reisen, um einer Truppenübung an den Originalschauplätzen beizuwohnen. Nichts Ungewöhnliches für die damalige Zeit, wie man ähnlich zum Beispiel im Bericht zu Anton von Werner nachlesen kann. Das besondere ist jedoch, dass laut Meyerheim der Franzose etwas naiv war, und erst in Berlin erfuhr,
daß die Franzosen die Schlacht bei Leipzig so recht eigentlich nicht gewonnen hätten.
Erste kraftvolle Berührung

Man kann halt nicht alles wissen und solche Nebensächlichkeit erst gar nicht.

Eines wusste Meissonier aber. Nämlich,
daß er, wenn er nicht Meissonier wäre, gerne Menzel sein würde.
Wenn das kein Lob ist, dann weiß ich es nicht. Aber wie sah Menzel das Ganze?
Um es vorwegzunehmen, nicht ganz so euphorisch. Aber er war trotz allem zeitlebens voller Hochachtung vor dem künstlerischen Schaffen des berühmten Franzosen.

So war die erste Begegnung der beiden Künstlerpersönlichkeiten im Rahmen von Meissoniers Besuch 1862 in Berlin recht skurril. Menzel hasste die französische Sprache und beherrschte sie kaum, und so bestand ihre Unterhaltung,
wenn gerade niemand zum Dolmetschen bereit war, gewöhnlich darin, daß einer dem anderen auf den Rücken klopfte.
Dreister Ideenklau

Menzel hatte zu dieser Zeit sein nie vollendetes Bild Friedrich der Große mit seinen Generälen vor der Schlacht bei Leuthen auf der Staffelei. Ein Bild, welches Meissonier voller Bewunderung betrachtet haben soll.

Adolph Menzel - Friedrich der Große mit seinen Generälen vor der Schlacht bei Leuthen (Unvollendet)
Öl auf Leinwand

Und, wie Meyerheim andeutet, nicht nur betrachtet, sondern auch zu eigen gemacht. Denn direkt von Berlin zu Hause angekommen, begann Meissonier mit seinem weltberühmt gewordenen Gemälde, Napoleon auf dem Rückzug 1814, welches vielleicht nicht nur zufällig Parallelen zu Menzels Werk zeigt.

Ernest Meissonier - Napoleon auf dem Rückzug 1814 (1864)

auf der zerstampften und zerfahrenen Schneedecke sieht man in der Ferne fast nur Silhouette gegen den grauen Himmel die Armee vorüberziehen. Vorn stehen, in dicke Mänteln eingehüllt, mit verfrorenen Gesichtern...
Es gab viele Spekulationen, warum Menzel sein Leuthen Bild nie vollendete. Die Erklärung Meyerheims war einfach:
Der wahre Grund aber, weshalb es nicht vollendet wurde, ist wohl der, daß vorzeitig Meissonier alle Pointen dieses Bildes 'nachempfunden' hatte, um sein allerdings schönstes Bild zu malen.
Intime Küsse

Ihre nächste Begegnung im Rahmen der Weltausstellung 1867 war wieder eine nicht ganz gewöhnliche. Rückenklopfen wie bei ihrer ersten Begegnung war Vergangenheit, diesmal stürzte Meissonier, als er den kleinen Adolph sah, auf ihn zu, umarmte ihn heftig und küsste ihn, Achtung, auf die Ohrläppchen. Richtig gelesen, Ohrläppchen. Merkwürdig für uns naive Mitteleuropäer des 21. Jahrhunderts, aber vielleicht normal für die damalige Zeit. Wer weiß...

Adolph Menzel - Der Palastgarten von Prinz Albert (1846)
Öl auf Leinwand

Der Grund für die intime Begrüßung war jedenfalls ein schöner. Denn Meissonier beglückwünschte Menzel für die gerade bekanntgegebene Auszeichnung im Rahmen der großen Preisverkündgung. Jedoch hatte Menzel nichts von alldem im lauten, hektischen Trubel der Veranstaltung mitbekommen.


Adolph Menzel - Friedrich und die Seinen bei Hochkirch (1856)

Ein Orden für sein Hochkirch-Bild, nein, davon wusste er nichts. Mühsame Überzeugungsarbeit Meissoniers war notwendig, um Menzel von seinem Glück zu überzeugen:
denk dir (sagte Menzel), ich bin noch im tiefen Schlaf, da klopft es heftig an meine Tür; ich wache auf, besinne mich, daß ich in Paris bin, nehme mein ganzes Französisch zusammen und frage: qui est la(wer ist da)?
Da antwortet es draußen: Monsieur Meissonier, und ich, im Halbschlaf, erwidere, ce n'est pas ici(er ist nicht hier).
Als mir die Sache klar wurde, stand wirklich Meissonier vor mir, um mir mitzuteilen, daß alles richtig sei, daß er beim Minister gewesen, daß ich wirklich den großen Orden erhalten und daß wir abends bei ihm essen sollten.
Heimliche Differenzen

Ganz so harmonisch, wie man vermutet, war dieser Abend dann doch nicht verlaufen.
So berichtet Meyerheim von einer Begebenheit, in der Menzel das noch unvollendete Napoleonbild begutachtete und nach längerem Betrachten, währenddessen Meissonier ungeduldig die Vorzüge seines eigenen Bildes anpries, Menzel auf Napoleons Arm mit dem Hut verwies und sagte :
"Das bleibt wohl noch nicht so?" Qu'est-ce qu'il a dit(was hat er gesagt) raunte mir Meissonier zu; ich versuchte, die Worte in milder Form zu übersetzen.
Das Ende der schwierigen Unterhaltung war, daß Menzel auf einem Blättchen Papier hinzeichnete, wie der Arm mit dem Hut sein müsse, und auch noch mit ein paar
Strichen den Kaiser hinzufügte. Von dieser Zeichnung war Meissonier ganz begeistert.
In seinem anderen Atelier hatte Meissonier ein kleineres Bild auf der Palette und nach einigem sinnieren schlug Menzel eine Änderung vor, die der Franzose direkt, in Anwesenheit seiner Schwester und des ebenfalls eingeladenen Malers Ricard, umsetze. Und genau diese Szene hatte Menzel einige Jahre später in einem kleinen Ölbild festgehalten, welches nachfolgend abgebildet ist.


Adolph Menzel - Meissonier in seinem Studio in Poissy (1869)
Öl auf Leinwand (21 x 29 cm)

Das war es aber dann auch mit den Liebeswürdigkeiten. Andeutend, aber nicht auf Details eingehend, schreibt Meyerheim:
Der weitere Verlauf des Tages war weniger amüsant. Viele gute Haare wurden an den berühmten Zeitgenossen nicht gelassen.
Letzte Begegnung

Ein letztes Mal trafen sie sich im Rahmen von Menzels Besuch der großen Pariser Ausstellung 1868. Bei dieser Gelegenheit erhielt er als Geschenk von Meissonier eine Photographie von dem Gemälde "Mann am Fenster" (das nachstehende Bild ist wohl gemeint), welches einen ehrenvollen Platz an Menzels Atelierwand fand.

Ernest Meissonier - Mann am Fenster

Kriegsfolgen

Seit Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges 1870 vermied Meissonier jeden Kontakt mit deutschen Künstlern, und so kam keine weitere Begegnung dieser beiden großen Maler zustande. Der Stachel, den die deutschen Eroberer in Frankreich hinterlassen hatten, saß bei Meissonier zu tief:
Kein Deutscher hat seit dem Krieg seinen Fuß in mein Haus gesetzt und wird es künftig tun.
Ernest Meissonier - Die Belagerung von Paris (Studie)

Ordensreiter und Spachtelfink

Der Respekt war weiterhin vorhanden, aber ein kleiner Seitenhieb klingt im nachfolgenden kräftig mit.


Ernest Meissonier - Die Arthusage

Es war Menzel  eine besondere Freude, dass er einen höheren französischen Orden als Meissonier besaß. Und von Meissonier stammt die kritische Prophezeiung über den Wert Menzels grobspachteliger, impressionistischer Ölgemälde:
Meine Herren, warten Sie es nur ruhig ab, ich glaube, von uns allen hier wird Menzel einmal der einzige sein, der mit seiner abscheulichen Ölmalerei Recht behält.
Man dankt!

Adolph Menzel - Bildnis einer Dame (evtl. Friederike Arnold)

Wirkliche Freunde waren die beiden Maler nie, aber die Kunstgeschichte wäre ohne ihre Begegnung um einige Anekdoten ärmer.

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