Carl Wilhelm Hübner (1814 - 1879)

Ich habe gerade das Buch Carl Wilhelm Hübner (1814–1879): Genre und Zeitgeschichte im deutschen Vormärz von Lilian Landes gelesen. Bevor allzu viel davon wieder in Vergessenheit gerät, bot es sich an, einen etwas umfangreicheren Artikel darüber zu schreiben.

Das Buch ist eine Dissertation, und das merkt man auch. Die Autorin arbeitet tief in die Materie hinein, belegt ihre Gedanken sorgfältig mit Zitaten und bleibt durchgehend wissenschaftlich fundiert. Für Laien dürfte das stellenweise recht trocken wirken; vieles richtet sich eindeutig an Fachleute, und als reines „Bilderbuch“ eignet es sich nicht.

Trotzdem hat mir die Lektüre gefallen, weil ich sie als sehr lehrreich empfunden habe. Besonders gefreut hat mich außerdem, dass Frau Landes, mit der ich kurz per E‑Mail in Kontakt stand, sich darüber freute, dass ich ihr Buch in meinem Blog besprochen habe.


Die Anfänge (1814 - 1844)

Carl Wilhelm Hübner: Selbstbildnis (1848)

Öl auf Pappe, auf Leinwand aufgezogen - 46,5 x 38,5 cm

Carl Wilhelm Hübner wurde 1814 in der ostpreußischen Hauptstadt Königsberg geboren. Als Sohn eines Bauhandwerkers war für ihn eigentlich eine handwerkliche Laufbahn vorgesehen. Doch seine Lehrer erkannten früh sein außergewöhnliches künstlerisches Talent. Seine erste zeichnerische Ausbildung erhielt er bei Johann Eduard Wolff.

Hübners Begabung blieb nicht unbemerkt. Der spätere Universitätsprofessor August Hagen förderte ihn nach Kräften, und mit dem Kaufmann Kahle fand sich sogar ein Mäzen, der ihn finanziell unterstützte. Königsberg bot einem angehenden Künstler damals kaum Entwicklungsmöglichkeiten, und das nahe Berlin war für ihn unerschwinglich.

Dank seiner Förderer konnte Hübner 1837 schließlich nach Düsseldorf ziehen, um an der damals hoch angesehenen Kunstakademie zu studieren. Bereits 1838 heiratete er Clara Caroline Dorn, mit der er ein lebenslang glückliches Ehepaar bildete. Der Kinderreichtum der beiden ist bemerkenswert. Zehn Kinder sind urkundlich belegt.

Bis 1839 nahm Hübner als einfacher Eleve alles in sich auf, was die Akademie ihm bieten konnte. Von 1839 bis 1841 wurde er in die Meisterklasse aufgenommen. Ein entscheidender Schritt auf seinem Weg zum anerkannten Künstler. Seine Lehrer waren Karl Ferdinand Sohn und später auch Direktor Wilhelm von Schadow. 1841 war seine Ausbildung beendet und die Basis gelegt.

Nun stand Hübner auf eigenen Beinen. Sein Ziel war klar. Er wollte Genremaler werden, wie viele seiner Kollegen im damaligen Düsseldorf. Umso wichtiger war es, sich einen eigenen Namen zu erarbeiten. Zwar stellte er bereits seit 1838 in der großen Berliner Akademieausstellung aus, doch ein wirklicher Durchbruch blieb zunächst aus. Und das, wie Hübner 1846 in einem Brief selbstkritisch anmerkte, nicht ganz zu Unrecht:
...indem ich aufrichtig gestanden nicht genau mehr weiß, was ich alles schon gemalt u. ich bin im ganzen recht froh darüber, manches vergessen zu haben.
Carl Wilhelm Hübner: Der Verweis (1842)

Öl auf Leinwand - 51 x 64 cm

Aufgrund dessen war er zu Beginn gezwungen, sich auch der ungeliebten Porträtmalerei hinzugeben.

Carl Wilhelm Hübner: Bildnis Johann Friedrich Hackenberg (1842)

Öl auf Leinwand - 79 x 64 cm

Im Laufe der Zeit erhielt er allmählich erste positive Besprechungen, die wiederum weitere Verkäufe begünstigten. Dadurch war es ihm später möglich, Genrebilder ohne Auftrag und ohne stilistische Einschränkungen zu schaffen. Werke, die seinen Ruf auf den Ausstellungen nachhaltig stärken sollten.

Kunstvereine

Neben den Akademien als Zentren der offiziellen Kunstwelt entstanden seit Mitte der 1820er‑Jahre in ganz Deutschland zahlreiche Kunstvereine. In der Vormärzzeit schossen Vereine ohnehin wie Pilze aus dem Boden – da wollten die Künstler nicht zurückstehen. 1823 wurde in München wohl der erste Kunstverein dieser Art gegründet. Die Düsseldorfer folgten 1829 mit ihrem Kunstverein für die Rheinlande und Westphalen.

Während solche Vereine andernorts meist als Gegenpol zu den Akademien entstanden, war dies in Düsseldorf anders: Hier war der Kunstverein personell eng mit der Akademie verknüpft. So gehörte etwa Akademiedirektor Wilhelm von Schadow zu den Gründungsmitgliedern.

Das Hauptanliegen der Kunstvereine bestand darin, freischaffenden Künstlern oder solchen, die an der Akademie nicht zu den hochrangigen Kräften zählten, etwa Landschafts- und Genremalern, bessere Chancen im freien Wettbewerb zu verschaffen. Mit dem wirtschaftlich erstarkenden Bürgertum gewann eine neue Käuferschicht an Bedeutung. Für Künstler, die keine Aufträge von Adel, Kirche oder Staat erhielten, wurde dieser Markt überlebenswichtig, und die Kunstvereine halfen, ihn systematisch zu erschließen.

Mitglied werden konnten nicht nur Künstler, sondern auch kunstinteressierte Bürger. Die Jahresbeiträge der Mitglieder dienten vor allem dem Ankauf von Werken der im Verein vertretenen Künstler. Diese Gemälde wurden anschließend unter den Mitgliedern verlost. Den bis dahin höchsten Ankaufspreis erzielte 1845 Hübners Jagdrecht-Bild.

Neben der großen Berliner Akademieausstellung organisierten die Kunstvereine eigene Präsentationen, zeitlich versetzt, um Konkurrenz zu vermeiden. Reich wurden die Künstler durch diese Verkäufe nicht, doch ihr Bekanntheitsgrad profitierte erheblich, ebenso durch die zahlreichen grafischen Reproduktionen, die viele Vereine von ausgewählten Gemälden anfertigen ließen.

Unterstützungsverein (seit 1844)

Hübner war, wie nahezu alle Künstler seiner Zeit, Mitglied im Kunstverein. Doch gerade wegen der engen personellen Verflechtung zwischen Kunstverein und Akademie fühlten sich Maler der „niedrigeren“ Gattungen, zu denen auch Hübner als Genremaler zählte, nicht ausreichend vertreten. So kam es 1844 zur Gründung des Vereins Düsseldorfer Künstler zur gegenseitigen Unterstützung und Hilfe, kurz Künstlerunterstützungsverein. Hübner gehörte zu den Gründungsmitgliedern und war später, gemeinsam mit Künstlern wie Lessing oder Hasenclever, zeitweise auch in der Verwaltung tätig. Dem Verein blieb er sein Leben lang verbunden.

Im Gegensatz zum Kunstverein standen die Türen des Unterstützungsvereins ausschließlich Künstlern offen. Sein Ziel war es, bedürftige Kollegen oder Hinterbliebene finanziell, bürokratisch und rechtlich zu unterstützen und zugleich ein koordiniertes Vorgehen bei der Beschickung von Ausstellungen zu ermöglichen, als Gegengewicht zum Ausstellungsmonopol von Akademie und Kunstverein. Mehrere Jahre lang lag die Organisation dieser Ausstellungsbeschickung in Hübners Händen, bis er die Aufgabe schließlich aus Zeitgründen weitergab.


Der Durchbruch (1844)

Carl Wilhelm Hübner: Die schlesischen Weber (1844)

Öl auf Leinwand - 119 x 158 cm

Seinen großen Durchbruch erzielte Hübner 1844 mit dem Gemälde Die schlesischen Weber. Das Bild zeigt das erbarmungslose Regiment eines Kaufmanns gegenüber den einfachen Webern. In der Hoffnung auf einen fairen Preis für ihr Leinen sind sie seiner Willkür vollständig ausgeliefert. Wie Hübner eindringlich darstellt, wurden diese Hoffnungen allzu oft enttäuscht, mit verheerenden Folgen für ganze Familien.

Das Gemälde löste eine Aufregung aus, die aus heutiger Sicht kaum mehr nachvollziehbar ist. Als kurz darauf in Schlesien tatsächliche Weberaufstände ausbrachen, wurde das Bild von unterschiedlichsten Seiten als prophetisch gedeutet und für politische Interessen vereinnahmt. Von nun an galt Hübner als Maler „am Puls der Zeit“, als Schöpfer sozialkritischer Bildthemen. Dass diese Zuschreibung stark übertrieben war und keineswegs seiner eigentlichen Intention entsprach, arbeitet Frau Landes in ihrem Buch immer wieder deutlich heraus.

Hier in Kurzform einige Fakten:

Die soziale Not der schlesischen Weber war bereits vor Hübners Gemälde weithin bekannt. Zeitungen berichteten regelmäßig über die Missstände, und selbstverständlich war auch Hübner mit dem Thema vertraut. So trägt das Taschentuch des Kaufmanns im Bild die eingravierte Zahl „20“ – ein Hinweis auf einen gewissen Herrn Zwanziger, der damals als skrupelloser Ausbeuter berüchtigt war.

Die Autorin beschreibt die geistige Strömung des Vormärz als „wahren Sozialismus“. Gemeint ist damit ein gemäßigtes, schrittweises Vorgehen, geprägt von Nächstenliebe und praktischer Hilfe, jedoch ohne radikale politische oder gesellschaftliche Forderungen. Da diese Haltung nicht an konkrete Ziele gebunden war, bildete sich keine einheitliche „wahrsozialistische“ Partei, sondern eher ein Geflecht vieler kleiner Initiativen – Tropfen auf dem heißen Stein. Hübners Weber-Gemälde entstand somit keineswegs im luftleeren Raum. Er malte es ausdrücklich als Beitrag zu einer Spendenaktion zugunsten der schlesischen Weber. Es handelt sich also nicht um eine Prophezeiung, sondern um das Werk eines pragmatischen Künstlers aus bürgerlichem Umfeld, der gemäßigte soziale Ideen vertrat.

Vor und nach diesem Bild schuf Hübner nur wenige Werke mit sozialem Schwerpunkt – etwa Das Jagdrecht von 1846 oder Wohltätigkeit in den Hütten der Armen aus demselben Jahr, eine Art Fortsetzung des Weberbildes, diesmal jedoch mit deutlich hoffnungsvollerem Ausgang.

Zu der besonderen Bedeutung des Weberbildes trug auch ein häufig zitierter, stark überhöhter Ausspruch Friedrich Engels bei: "Lassen sie mich bei dieser Gelegenheit ein Bild von Hübner, einem der besten deutschen Maler, erwähnen, das wirksamer für den Sozialismus agitiert hat als hundert Flugschriften..."


Leichter Zwischengang (1844)

Dass Hübner schon in dieser Zeit nicht nur ernste, sondern auch leichtere Kost behandelte, zeigt das zwischen den Webern und dem späteren Jagdrecht entstandene Gemälde Der neue Lehrbursche von 1844. Es zeigt die Vorstellung eines neuen Lehrjungen beim Dorfschmied. Eine heitere Alltagsszene fernab sozialer Dramatik.

Carl Wilhelm Hübner: Dorfschmiede / Der neue Lehrbursche (1844)

Öl auf Leinwand - 86 x 110 cm


Auf der Erfolgswelle (1846)

Carl Wilhelm Hübner: Das Jagdrecht (1846)

Öl auf Leinwand - 94 x 130,5 cm

Das sozialkritische Gemälde Das Jagdrecht von 1846, das zeitlich unmittelbar auf die Schlesischen Weber folgt, nimmt Bezug auf das damals noch gültige, jedoch zunehmend umstrittene alleinige Jagdrecht des Adels auf dessen Ländereien. Verstöße konnten im Extremfall sogar mit der Erschießung geahndet werden.

Eine solche Situation schildert auch Hübners Bild: Ein erlegtes Schwein liegt am Boden, offenbar von zwei einfachen Männern gejagt. Einer von ihnen ist angeschossen. Beide fliehen vor dem Grundbesitzer in ein schützendes Haus. Ein Moment höchster Not und Verzweiflung.

Die Szene erschließt sich vollständig, wenn man berücksichtigt, dass Hübner das Gemälde bis ins Detail auf ein Gedicht seines Freundes Wolfgang Müller von Königswinter stützte: Jagdrecht (1845). Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass das Bild eine Anklage gegen das bestehende Jagdrecht darstellt. Not und Hunger treiben die beiden Männer zur Wilderei. Eine Tat, die der verwundete Vater mit dem Leben bezahlen wird.

Des Reichen Säu'n und Hirschen - Gibt Fraß des Armen Land; - Er nahm mit Zähneknirschen - Die Büchse von der Wand
...
Noch wühlte in den Schollen - Mit ihrer Brut die Sau: - Die Aerndte geht verloren, - Kartoffeln, Klee und Korn,- Hast vorig Jahr gefroren, - So hung're denn von vorn,
...
Die schmucken Jäger kehren - Und rühmen sich der That: Man muß das Volk belehren, - Dies Beispiel dien' als Rath! - Indessen ist gebrochen- Ein Aug' in stillem Schmerz,- Für Weib und Kinder pochen - Wird nimmermehr dies Herz.
Dass Gemälde dieser Zeit häufig auf literarischen Vorlagen beruhten, war keineswegs ungewöhnlich, sondern entsprach den Konventionen der Akademie. So äußert Schadow 1828, dass ein Kunstwerk nur
beseligend
wirken könne, wenn es einer
dichterischen Idee in Form und Farbe giebt.
Das Jagdrecht-Bild erlangte eine solche Berühmtheit, dass Hübner mehrere Fassungen davon schuf. Darunter auch eine eigens für Müller von Königswinter. Das Original ging auf eine ausgedehnte Städtetour durch zahlreiche deutsche Gemeinden und wurde überall mit großer Anerkennung aufgenommen.

Auswanderthema (ab 1846)

Carl Wilhelm Hübner: Abschied der Auswanderer (1855)

Öl auf Leinwand - 150 x 188 cm

Mehrfach, sowohl vor als auch nach 1848, widmete sich Hübner dem Thema der Auswanderung. Häufig zeigt er den schmerzlichen Abschied von der Heimat. Auch dieses Sujet entsprang nicht allein seiner Vorstellungskraft: Die Fassung von 1846 geht erneut auf eine literarische Vorlage zurück. Auf das Gedicht Auswanderer (1842) seines Freundes Müller von Königswinter.

Carl Wilhelm Hübner: Abschied der Auswanderer von ihrer Heimat (1846)

Öl auf Leinwand - 127 x 163,5 cm

Der Abschied schmerzt, doch thut er noth, - Der Heimatboden ist zu hart, - Trotz Schweiß und Fleiß gibt er kein Brod.
...
Und treulich wahren wir den Muth, - Die Kraft gesund, die Sitte schlicht, - Die Ehrlichkeit bleibt unser Gut, - Deutsch bleibt der Laut, den Jeder spricht.
Hier schwingt noch Kritik an den schlechten Verhältnissen in Deutschland mit, die die vaterlandsliebende, aber verarmte Bevölkerung zur Auswanderung trieben. Nach 1848 wandelte sich die Auswanderungsbewegung jedoch: Immer häufiger war es nicht mehr wirtschaftliche Not, sondern die Hoffnung auf eine große Karriere, die Menschen nach Amerika aufbrechen ließ. So später auch bei Hübners Söhnen.

Carl Wilhelm Hübner: Der Segen der Auswanderer (1860)

Öl auf Leinwand - 120 x 102 cm

Märzrevolution (1848)


Die 1848 Revolutionen hinterließen keinen bleibenden Eindruck auf Hübner. Er sympathisierte mit den Aufständischen, mehr aber auch nicht. Zitat aus einem Brief von 2. April 1848:
Das Bild ist von hier mit allen übrigen zur Ausstellungen bestimmten Bildern nach Berlin abgegangen und ich war in ziemlicher Sorge darüber, es verloren zu haben. Die Kisten laufen in diesen unruhigen Tagen in Berlin ein und hätten eine günstige Barrikade abgegeben. Ich hatte mich schon getröstet auf indirekte Weise etwas beigetragen zu haben.

Malkasten (ab 1848)

Hübners Einkommen entsprach Mitte der 1840er‑Jahre in etwa dem eines Akademieprofessors. Anlass zur Klage hatte er also nicht. Doch spätestens nach den Unruhen von 1848 verschlechterte sich die Lage erneut. Und was tut ein echter 48er in solchen Zeiten? Richtig: Er gründet einen Verein. Davon gab es ohnehin nie genug. Dieses Mal entstand in Düsseldorf der Malkasten, dessen Geschicke Hübner über Jahre hinweg als Vorsitzender leitete. Ursprüngliches Hauptanliegen dieser Vereinigung war das gesellige Beisammensein der Künstler.
Erst mach dein Sach, dann trink und lach.
Umzüge, Feste und lebende Bilder gehörten von Anfang an zum Alltag des Malkastens. Doch neben all dem Vergnügen blieb das Leitbild des Vereins stets die Idee der nationalen Einheit. Dies trug unter anderem dazu bei, dass – lange vor der politischen Einigung von 1870 – im Jahr 1858 von Düsseldorf aus eine gesamtdeutsche Kunstgenossenschaft gegründet wurde, an der auch Hübner maßgeblich beteiligt war.

Dorfgeschichten (vor allem ab 1848)

Dorfgeschichten nahmen vor und vor allem nach 1848 einen großen Raum in Hübners Schaffen ein.
Nach den Märzunruhen versank das Land in einen langen Schlaf bis an das Ende der 60er Jahre. Die revolutionären Gedanken der 48er waren schnell beiseite gelegt und ersetzt durch den Glauben an eine Reform der kleinen Schritte. Menzels und Hasenclevers große Gemälde aus dieser Zeit, Aufbewahrung der Märzgefallenen und Abschied des Bürgerwehrmannes, blieben unvollendet.
Die Kunstwelt kam aus ihrer elitären Nische hervor und wurde massenkompatibel. Die Düsseldorfer Zeitung bekam 1845 ihren ersten Kunst- und Literaturteil. Tiefergehende Bildungskenntnisse voraussetzende, idealisierende Darstellungen waren für das neue bürgerliche Publikum ungeeignet. Klar verständliche Bildaussagen mit leicht überzeichneten Emotionen hingegen waren viel besser geeignet. Das Publikum wollte keine romantisch- weltfremden Ritter und Edelfrauengemälde der Schadow-Schule sehen, sondern etwas Realistischeres. Dies bedeutete beim damaligen Publikumsgeschmack meist eine abgemilderte, idealisierte Form der Realität. Der
Mist an den Kleidern und Stiefeln
war vielleicht Sache eines Defregger

Franz Defregger: Wilderer in der Sennhütte (1876)

aber weniger Hübners bürgerlicher, biedermeierscher Klientel, welche nach bescheidenem Wohlstand und heiler Familienwelt strebte. Das Publikum wollte Mitleid verdienende, edle Proletarier sehen und  Hübner lieferte.

Carl Wilhelm Hübner: Trauer (1851)

Öl auf Leinwand - 104 x 133 cm

Schöne Genrebilder für die Wohnzimmerwand waren gefragt und wurden geliefert.

Carl Wilhelm Hübner: Der Liebesbrief (1861)

Öl auf Leinwand - 84 x 91 cm

Ein Unglück oder Drama sollte keine großen sozialen Fragen behandeln, sondern immer auf Ebene des Einzelfalls oder des Zufalls bleiben.

Klar verständliche Alltagsszenen waren beliebt.

Themengruppen

Die Themengruppen, mit denen Hübner sich wiederholt beschäftigte, waren:

  • Brand und Feuer
Carl Wilhelm Hübner: Nach der Feuersbrunst (1866)

Öl auf Leinwand - 132x106 cm

Carl Wilhelm Hübner: Nach der Feuersbrunst (1852)
Öl auf Leinwand (55 x 47,5 cm)

Carl Wilhelm Hübner: Eine Witwe auf der Brandstätte (1875)

Öl auf Leinwand - 110 x 95 cm

  • Trauer und Gebet
Carl Wilhelm Hübner: In Gedanken (1850)

Öl auf Leinwand - 94 x 74 cm

Carl Wilhelm Hübner: Hausandacht / Trost im Gebet (1870)

Öl auf Leinwand - 107 x 87,5 cm

  • See und ihre Menschen
Carl Wilhelm Hübner: Heimkehr des jungen Seemannes (1859)
Öl auf Leinwand - 80 x 100 cm

Carl Wilhelm Hübner - Heimkehr des jungen Seemanns (1859)
Öl auf Leinwand (79 x 105 cm)

Carl Wilhelm Hübner: Der Freier / Fischer im Gespräch (1869)

Öl auf Leinwand - 104 x 131 cm

  • Frauen in Liebesglück oder Kummer
Carl Wilhelm Hübner: Der Liebesbrief (1852)

Öl auf Leinwand

Carl Wilhelm Hübner: Der schmollende Liebhaber (1864)
Öl auf Leinwand - 78,5 x 94 cm

  • Heirat und Familienzuwachs
Carl Wilhelm Hübner: Die Besichtigung des Neugeborenen / An der Wiege (1854)

Öl auf Leinwand - 55,5 x 65,5 cm

Carl Wilhelm Hübner - An der Wiege -Studie? (1854)
Öl auf Leinwand (23,5 x 29 cm)


Carl Wilhelm Hübner - An der Wiege  (1857)
Öl auf Holz (62 x 78 cm)

Carl Wilhelm Hübner: Er muss doch nachgeben / Die schwierige Brautwerbung (1855)

Öl auf Leinwand - 81 x 105 cm

  • Alltagsgeschichten
Carl Wilhelm Hübner: Beim Schreiber / Beim Sekretär (1863)

Öl auf Leinwand - 54 x 62 cm

Carl Wilhelm Hübner: Besuch beim Doktor (1864)

Öl auf Leinwand - 85 x 99,5 cm

Meisterfeuerwerk (1853)

Carl Wilhelm Hübner: Rettung aus Feuersgefahr (1853)

Öl auf Leinwand - ca. 240 x 170 cm

Als bedeutendstes Gemälde Hübners wurde das 1853 entstandene Bild Rettung aus Feuersgefahr angesehen. Darstellend eine Szene, in der ein Edelmann bei einer Feuersbrunst ein kleines Kind rettet. Diese Begeisterung kann man mittels des undeutlichen Reproduktionsbildes und der Farbskizze nicht mehr ganz nachvollziehen, aber das Gemälde entsprach voll und ganz dem Zeitgeschmack.
Aufgrund seiner Thematik und der fürs Genre untypischen Größe fand es jedoch keinen Käufer, wurde aber von den Kritikern mit Lob überhäuft.

Der Künstler verschmähte es, durch auffallendes Farbenspiel, grelle Beleuchtung, wie man es bei dem Gegenstande wähnen sollte, Wirkung hervorzuheben, sondern erzielte sie vielmehr durch ergreifende Poesie des Vortrags. (August Hagen 1858)
oder
monotone..., trübe.. und bräunlichrote... Colorit..., bewirkt durch den im ganzen Bildraum sich verteilenden Brandrauch. Meisterwerk, ... eine bewunderswerthe, unnachahmliche Arbeit. (Vossische Zeitung 1854)
Carl Wilhelm Hübner: Rettung aus Feuersgefahr - Farbskizze (1853)

Öl auf Leinwand - ca. 41 x 53 cm

So wurde Hübner aufgrund des Erfolgs dieses Bildes bei der Brüsseler Ausstellung zum Ritter des Leopoldordens ernannt. Ein fast zeitgleich gemaltes Gemälde Ludwig Knaus erhielt damals in Deutschland weit weniger euphorische Kritiken, weil es, im Gegensatz zu Hübners Gemälde, realistischer war.

Ludwig Knaus: Die Feuerbrunst (1854)

Öl auf Leinwand - 135 × 198 cm

Nicht, wie bei Hübner, sauber, ordentlich gekleidete Menschen, welche von einem reichen Fremden ihr Kind retten lassen, sondern geschockte, vom Brand überraschte und gezeichnete Menschen. Für diese Art von Realismus war das damalige deutsche Publikum noch nicht vorbereitet. Wohl einer der Gründe, warum Knaus im Gegensatz dazu in Frankreich, wo Revolutionen nicht nur angedacht, sondern erlebt wurden, größere Erfolge feierte.

Erfolge im Ausland

In Belgien beeindruckten Hübners Werke, auch in Holland, dem Land der Genremaler, wurden seine Verdienste anerkannt und er zum Ehrenprofessor in Amsterdam gewählt. Sein ausländischer Hauptabsatzmarkt waren jedoch die USA. Auch in Philadelphia wurde er zum Ehrenprofessor ernannt. Die Beziehung zu Amerika war nicht nur rein geschäftlicher Art, sondern auch familiärer Natur, da zwei seiner Söhne dorthin auswanderten. Dass Hübner extra Bilder für diesen Markt malte, kommt also nicht überraschend.
So zeigte er deutschen Auswanderern ein Stück alter Heimat

Carl Wilhelm Hübner: Geschenke aus der Heimat (1856)

Öl auf Leinwand - 61x76 cm

und den Amerikanern gab er ein Stück Deutschland, wie es der allgemeinen Vorstellung entsprach.

Carl Wilhelm Hübner: Die Stunde der Andacht (1869)

Öl auf Leinwand - 112 x 98 cm

Carl Wilhelm Hübner: Die Sonntagslektüre in der holländischen Stube (1856)

Öl auf Leinwand - 47 x 39 cm

Kritik

Neben all diesen Erfolgen ernteten Hübners Werke aber auch immer häufiger saftige Kritik. Man warf ihm vor, zu viel, zu schnell, zu ähnlich zu malen. Die fast fabrikmäßige Herstellung - je mehr Personen, desto höher der Preis - beeinträchtigte die Qualität seiner Bilder. Die aktuelle Marktlage erlaubte keine aufwendigen neuen Kompositionen. Als Genremaler gab es keine goldene Nase mit Großaufträgen zu verdienen. Mit vielen kleineren Gemäldeverkäufen und dem Käuferkreis angepassten Themen, musste die Großfamilie Hübner ernährt werden. Warum sollte ein als erfolgreich erkanntes Motiv verkrampft auf einem folgenden Bild vermieden werden?

Carl Wilhelm Hübner: Heiratsantrag

Öl auf Leinwand - 78,8 x 104 cm

Carl Wilhelm Hübner: Die Brautwerbung (um 1854)

Öl auf Leinwand - 80 x 100 cm

Ein Pseudokünstler wie Jackson Pollock schmierte sein Leben lang ein Muster auf die Leinwand. Da hört man solche Stimmen nicht. Aber den Kritikern, welche immer auf der Suche nach idealistischen Einzelkämpfern sind, war dies wohl zu profan.

Gleichzeitig warf man ihm vor, und indirekt der gesamten Düsseldorfer Schule, sich zu wenig auf das Wesentliche des Bildes zu konzentrieren. Die Bilder waren für manchen Geschmack zu sehr ausgemalt. So schrieb zum Beispiel Adolph Menzel 1836:
... wie wenig die Düsseldorfer den Sinn für ... die verschiedenen Grade der Detaillierung nach der größeren oder geringeren Wichtigkeit der Gegenstände ausgebildet haben.

Arbeitsweise

Für einen Absolventen der Düsseldorfer Malerschule und Schüler Sohns war es selbstverständlich, die Gemälde genaustens vorzubereiten.

Carl Wilhelm Hübner: Glückliches Wiedersehen - Studie (1872)

Kohle auf Papier - 31 x 42 cm

Die Kleidung der Personen sollten zeit- und ortsgerecht sein. Die Landschaften stimmig. Deshalb waren gemeinsame Urlaube von Künstlergruppen an der Tagesordnung. Sie dienten der Motivfindung. Im Falle Hübners unter anderem der detaillierten Aufzeichnung der Trachten verschiedenster Regionen.

Carl Wilhelm Hübner: Studie (um 1848-49)

Bleistift auf Papier - 24,5 x 42 cm

Seine Arbeitsweise wird in einem Bericht über sein Atelier der Illustrierten Zeitung von 1854 deutlich:
In der Mitte seines Ateliers steht die Staffelei und in der Regel findet man Personen oder anderer Gegenstände malerisch gruppirt: denn Hübner malt stets nach der Natur, um durch beständige frische Anschauungen die volle Frische auf die Bilder zu übertragen. Möbel jeder Art, aus verschiedenen Zeiten und Moden, stehen dicht zu den Wänden, und selbst die Tische und Schränke, wie die Stühle, sind mit Gewändern, Waffen, Schmuck und Geräthen bedeckt... und höchst malerisch sind zwei Palmen neben dem Diwan.
Carl Wilhelm Hübner: Studie (um 1848-49)

Bleistift auf Papier - 19,2 x 41 cm

Kriegszeit (60er Jahre)

Die 60er Jahre standen im Zeichen der Kriege (1864 Schleswig-Holstein, 1866 Österreich, 1870 Frankreich, außerdem der Sezessionskrieg in Amerika 1861-1865), welche letztendlich zur deutschen Einheit führten. Hübner, ein früher Befürworter der Einheit, ließ es sich nicht nehmen, Anteil an den Kriegsgeschehnissen zu nehmen. Dies natürlich in der Art eines Genremalers malerisch umgesetzt: Die in der Heimat verbliebenen empfangen einen Brief ihres geliebten Verwandten aus dem Kriegsgebiet. Dies nachfolgend im wiederverwendbaren Doppelpack:

Carl Wilhelm Hübner: Die gute Nachricht (1865)

Öl auf Leinwand - 90 x 110 cm

Lincoln durch Kaiser Wilhelm I ersetzt und schon ist Hübner wieder am Puls der Zeit.

Carl Wilhelm Hübner: Feldpostbrief - Lithographie nach Zeichnung (um 1870)

Misserfolge (70er Jahre)

Sein letztes Jahrzehnt, die 70er Jahre des 19. Jahrhunderts, standen für Hübner nicht mehr unter einem rosigen Stern. Die Jahre waren von Tragödien und Todesfällen im engsten Familienkreis überschattet.
Auch künstlerisch war seine Glanzzeit lange vorbei. Seine Genrebilder wurden in Europa als veraltet betrachtet und er war finanziell nicht mehr auf Rosen gebettet. So bittet Hübner in einem Brief von 1870 seinen Freund, den Journalisten Hermann Becker, um eine positive Besprechung seines neuen Gemäldes Seltenes Familienglück.

Carl Wilhelm Hübner: Seltenes Familienglück (1870)
Öl auf Leinwand - 130 x 160 cm

Hat es meinen Beifall, so geht meine Bitte dahin weiter, darüber in der Cölnischen Zeitung, der du angehörst, zu schreiben. Wenn du dich dazu entschließen kannst, so wird solches, wie du das machst, für meine Zukunft so wohl hier, wie in Amerika, wohin die meisten meiner Bilder wandern, von großer Bedeutung sein.

PR-Arbeit war für Hübner also kein Fremdwort.

Deutsch-Französische Aktion (1871)

Beim großen Brand 1871 sind weite Teile Chicagos niedergebrannt. Hübner war direkt davon betroffen, da sein Sohn dort als Kunsthändler arbeitete und viele Gemälde vernichtet wurden, auch einige Werke seines Vaters.
Statt den Kopf in den Sand zu stecken, organisierte Hübner für die Stadt Chicago eine große Spendenaktion, zu der 130 Künstler Werke einreichten. Zum Beispiel die damals sehr bekannten deutschen Künstler SohnBrüder Achenbach oder Knaus. Gleichzeitig schlossen sich unter der Federführung von Meissonier französische Künstler dieser Spendenaktion an. Cabanel, Gerome, Bouguereau oder Breton, um nur die bekanntesten zu nennen. Auch wenn der große Krieg der beiden Nationen erst ein Jahr vorüber war, war dies für die Künstler kein Hinderungsgrund. Die Auktion selber war ein finanzieller Erfolg, wobei die Franzosen mehr Geld einspielten als die Deutschen. Dies auch ein Zeichen des geänderten amerikanischen Geschmacks. Der genaue Verwendungszweck des Geldes ist bis heute unbekannt.

Letzter Höhepunkt (1874)

Eine der letzten Höhepunkte in Carl Wilhelm Hübners Leben war die lang ersehnte USA Reise 1874. Die Düsseldorfer Schule galt noch bis Anfang der 1860er Jahre als das Mekka der Malerei. Viele Amerikaner, oder später nach Amerika übergesiedelte Künstler wie Emanuel Leutze oder Albert Bierstadt, genossen in Düsseldorf ihre Ausbildung.

Carl Wilhelm Hübner - Belauscht (1874)
Öl auf Leinwand (105 x 127 cm)

Hübner, der den amerikanischen Markt Zeit seines Lebens hegte und pflegte, besaß auch noch in den 70er Jahre einen hervorragenden Ruf. Nach eigener Aussage gingen in diesen Jahren die meisten seiner Bilder in die USA. Dort wurde er allerorten begeistert empfangen. Zitat ADB Artikel von 1881:
Künstler und Kunstfreunde beeiferten sich in allen Städten, die er besuchte, die glänzendsten Feste ihm zu Ehren zu veranstalten, wobei ihm seine rhetorische Begabung und gesellschaftliche Talente sehr zu statten kamen.

Mensch Hübner

Hübner war ein Familienmensch und glücklich verheiratet. Er war sehr gesellig, hilfsbereit und bescheiden. Das Schreiben war nicht sein Ding, eher das Reden.
Der Maler war ein tatkräftiger Mensch, der sein Schicksal selbst in die Hand nahm. Gründer und aktives Mitglied vom Unterstützungsverein und dem Düsseldorfer Malkasten schmückten seine Vita. Er war ein Macher. Hübner setzte sich für Urheberrechtsfragen und Einkommenssteuerbefreiung ein, kümmerte sich um Sponsoren und Spendenaktionen, organisierte Wohltätigkeitsveranstaltungen und Vereinsveranstaltungen. Die Ausstellungsbeschickung samt Transport war lange Zeit in seinen Händen. Außerdem verhandelte er in Fragen vorteilhafterer Gemäldehängung und machte sich auf die Suche nach neuen Käuferschichten.

Ende (1879)

Hübner starb 1879 und hinterließ in künstlerischer Hinsicht keine Nachfolger, die sich direkt auf ihn beziehen. Sein Sohn Julius, nicht zu verwechseln mit dem Maler Rudolf Julius Benno Hübner, war sein einziger Schüler. Er aber verstarb noch vor seinem Vater Ende 1874.

Fazit

Hübner war kein Maler der ersten Riege der Düsseldorfer Malerschule. Mir gefallen seine Bilder meist, da man kurzfristig in eine kleine andere Welt abtauchen kann. Als Freund detailliert ausgemalter Bilder ist man bei den Düsseldorfern an der richtigen Adresse. So auch bei Carl Wilhelm Hübner.

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