Sonntag, 21. Februar 2016

Spurensuche

Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Meine Schwiegeroma, Anfang des 19 Jahrhunderts geboren, war Mitte 70, als man bei ihr Krebs diagnostizierte. Ihr nahes Ende vor Augen legte sie fest, welche ihrer Bekannten zur Beerdigung eingeladen waren. Doch keiner der Eingeladenen kam. Denn meine Schwiegeroma wurde 96 und überlebte alle.

Ihr Schlafzimmer schmückte, typisch für diese Generation, ein großes, zur Hochzeit geschenktes Heiligenbild. Mir wurde dieses Bild vererbt, wahrscheinlich, weil ich der Einzige war, der es schätzte.

Madonna unter den Blüten

Ein Berg voller Fragen

Die Erforschung dieses Bildes war eine spannende Reise. Am Anfang standen Fragen und am Ende ein Gedicht. Ist es ein Original oder ein Farbdruck? Gibt es Vorbilder? Stimmt etwas nicht mit der Datierung? Wer ist der Künstler? Ist das Gemälde bekannt?

Echt oder nicht?

Das Bild ist schwer. Stolze 9,4 Kilo bringt es auf die Waage. Mit Rahmen 106 x 83 cm, ohne Rahmen 89 x 64,5 cm groß. Ich war überrascht von der hohen Qualität, wenn man das Alter, vermutlich 90 Jahre, in Betracht zieht. Erst von Nahem gesehen erkennt man eindeutig, dass es sich um einen Farbdruck (Fotolithografie!?) und kein echtes Werk handelt. Der rasante technische Fortschritt ermöglichte es erstmals auch weniger wohlhabenden Familien, ihre Wände mit solch riesigen, dem Original zum Verwechseln ähnlich sehenden Werken zu schmücken.

Madonna unter den Blüten - Detail Jesus

Aus der Zeit gefallen?

Die christliche Darstellung wirkt leise und besinnlich. Reduziert auf das Wesentliche. Maria und Jesus ruhen in ihrer von den menschlichen Wirrnissen abgeschirmten Welt. Der Betrachter kann den hektischen Alltag hinter sich lassen und behutsam in diesen abgeschlossenen göttlichen Garten (Hortus Conclusus) eintreten. Dieses Motiv war im 15. Jahrhundert, vor allem im deutschsprachigen Raum, sehr beliebt. Zwei der bekanntesten Gemälde zu diesem Thema stammen von Stefan Lochner und Martin Schongauer. Ihnen widmet sich eine eigene Wikipedia-Seite.

Stefan Lochner - Madonna im Rosenhag (um 1450) (51 x 40 cm)

Martin Schongauer - Madonna im Roshag (1473) (200 x 115 cm)

Ein direktes Vorbild für unseren Künstler war vielleicht das Eremitage-Bild Liebe, Glaube, Hoffnung des Heinrich Maria von Hess aus dem Jahre 1819. Dort sind alle Zutaten enthalten, welche wir auch in unserem Gemälde wiederfinden:
  • Ovaler Bildaufbau
  • Eng begrenzt von einer Mauer
  • Ein Baum in der Mitte des Bildes
  • Links einrahmend ein paar Pflanzen
  • Schmaler, niedriger Blick auf ein entferntes Gebirge. 
  • Lang hingestreckt sitzt eine Mutter mit ihrem Kind auf dem Schoß im niedrigen Gras.

Heinrich Maria von Hess - Liebe, Glaube, Hoffnung (1819)

Maria unter den Blüten - Detail

Das Bild meiner Großoma ist somit meilenweit von den damals modernen Strömungen der christlichen Malerei entfernt, deren Ziel es war, die Heiligen in den menschlichen Alltag zu holen. Bekanntester Maler dieser Richtung war Eduard Gebhardt, dessen Verbindung zu Boris Becker ich vor einigen Jahren ans Tageslicht brachte. Nein, mit dieser Schule steht der Druck in keiner Verbindung. Es ist eher ein typisches Beispiel der Nazarener Malerei, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf ihrem Höhepunkt stand. Das Gemälde ist jedoch mit 1884 signiert. Zu diesem Zeitpunkt war der Rummel um die Nazarener wieder abgeflaut und fast alle bekannten Künstler dieser Bewegung seit Jahren verstorben.

Falsche Spur

Monogramm des Bildes
Wer aber war dieser rückwärtsgewandte Maler? Die Antwort schien mir offensichtlich zu sein. Die Signatur zeigte nämlich eindeutig ein verschachteltes E und S. Der Punkt darüber könnte vielleicht ein I sein oder ein Fehler in der Abbildung. Diese Feinheiten waren nicht mehr von Belang, denn ich hatte den Maler identifiziert. Meine Großoma kommt aus Arnsberg und Ende des 19. Jahrhunderts gab es nur einen bekannten Maler in dieser Stadt. Engelbert Seibertz. Seine Initialen sind E und S. Perfekt, das passt!
Ein wenig irritierte zwar, dass dieses Bild thematisch überhaupt nicht Seibertz anderen Werken ähnelt. Aber zum Glück hatte ich seine Monographie griffbereit und machte mich auf die Suche nach diesem Madonnen-Bild oder wenigstens dem Monogramm. Aber nichts. Er verwendet kein einziges Mal diese Signatur. Meine Nachfrage beim Sauerlandmuseum bestätigte dies. Man kennt dort weder das Monogramm noch das Gemälde. Mist, was nun?

Täter überführt

Madonna unter den Blüten - Detail
Vielleicht bringt mich meine Nazarener-Spur weiter. Ich schaue mir die Wikipedia-Liste der Maler dieser Schule an und finde einen Künstler, auf den das E, das S und sogar das I passt. Eduard von Steinle (1810 - 1886). Ein wenig im Internet recherchiert. Treffer. Das ist die Signatur von Steinle. Und das Gemälde ist auch nicht mehr weit. Der Zufall lenkt mich auf eine Seite der Internetdatenbank Lost Art.
Dort sind alle wichtigen Informationen über das als Verlust gemeldete Bild zu finden:
  • Besitzer: Nationalgalerie Berlin
  • Breite: 185,00 cm, Höhe: 135,00 cm
  • Öl auf Leinwand
  • 1887 Ankauf
  • 1945 im Flakturm Zoo verschollen
Es war also in der Tat ein bekanntes Gemälde, denn es hat Eingang in die Sammlung des bedeutendsten Museums der Kaiserzeit gefunden, der Nationalgalerie. Die Ausmaße überraschen, denn es ist im Original gut doppelt so groß wie der nicht gerade kleine Druck.

Im Katalog der Nationalgalerie von 1903 wurde das Gemälde beworben mit den Worten:
Madonna unter den Blüthen.

Maria, ganz in blaues Gewand gehüllt, sitzt im Gärtchen unter einem blühenden Baume. Die Arme über die Brust kreuzend betrachtet sie andächtig das in ihrem Schoß ausgestreckte Kind, welches der Mutter eine Blume reicht. Über niedriger Mauer, welche den Raum abschließt, wird fernes Gebirge sichtbar. (Oben abgerundet, die Ecken mit schwarzem Ornament auf goldenem Grunde gefüllt). Leinwand 135 x 185 cm. Angekauft 1887.

Drucker gefunden

Madonna unter den Blüten - Detail
Nun fand ich auch einen entscheidenden Hinweis auf den Hersteller dieses Farbdrucks. Die 1893 von Adolf Troitzsch gegründete Vereinigung der Kunstfreunde spezialisierte sich auf den Ankauf und die hochwertige Reproduktion von Gemälden. Wie Henry Roske in seinem Buch zur Berliner Kunst beschreibt, war diese Vereinigung ein professionelles Wirtschaftunternehmen, strukturiert ähnlich einem Buchclub. Obwohl der Ankaufspreis der Originale oft lächerlich gering war, schien der Marketingeffekt für die Maler doch Anreiz genug zu sein, auf diesem Weg ihre Werke der breiten Masse bekannt zu machen. Neben diesen Käufen direkt von der Staffelei besaß die Vereinigung auch die Reproduktionsrechte vieler Gemälde der Berliner Nationalgalerie, so zum Madonnen-Bild des Eduard von Steinle.

Maler sagt aus

Steinle hat in seinem Leben viele Madonnen gemalt. Aber genau unser Gemälde sah er als dasjenige an, welches seine Auffassung der Gottesmutter am besten wiedergab.
Die Darstellung der sitzenden Madonna im Garten malte er schon Anfang der 60er Jahre (diese Version ist im Besitz der Museumlandschaft Hessen Kassel) und kam auf dieses Thema immer wieder zurück. Die vier noch heute bekannten Fassungen sind nachfolgend abgebildet.


1860

Eduard von Steinle - Die junge Muttergottes unter dem blühenden Apfelbaum (1860)

1866

Eduard von Steinle - Madonna im Gras (1866)

1878

Eduard von Steinle - Madonna an der Mauer (1878)

1884

Eduard von Steinle - Madonna unter den Blüten (1884)


Gedicht

Aber nicht nur Steinle selber gefiel sein Werk, auch Gustav Schüler widmete dem Gemälde ein Gedicht, welches in der Gartenlaube, Nr. 51 des Jahres 1924 veröffentlicht wurde:

Wie selig drängen die Blüten sich
Bis hin vor deine Füße,
Mit küssendem Atem umschmiegen sie dich,
Maria, du wundersüße.

Die Himmel tanzen vor singendem Licht,
Und die blauenden Berge prunken,
Alle Wonnen sind dir aufs Angesicht,
Maria, du Süße, gesunken.

Und das himmliche Kind beut dir Blumen dar,
Mit flimmerndem Schmelz übergüldet,
Engelswache hält unsichtbar
Das große Geheimnis umschildet.

Doch warum hast du so wundersam
Die Arme zum Kreuz geschlagen,
Als wollte ein ahnungsumschatteter Gram
Wehwunde Worte sagen?

Als säh sich der Stamm, mit Blüten beschneit,
Zum Holze des Fluches gezimmert,
Der heut das Kind der Herrlichkeit
Rosfarben überschimmert.

O selige Not! Wie biegen sich
Die Blüten bis dir vor die Füße
Und wiegen sich und umschmiegen dich,
Maria du wundersüße.


Montag, 8. Februar 2016

Der starke Buchser

Drei Säulen begrenzten die Welt meines Opas. Couch, Taubenschlag und Bank. Hier fühlte er sich wohl, hier war er glücklich. Andere Städte, Länder oder Kulturen interessierten ihn nicht. Von seinen mühsam verdienten Kohlen, er war Bergmann, noch etwas für Reisen abzuzweigen, kam ihm nie in den Sinn.

Aus ganz anderem Holz war da der Schweizer Maler Frank Buchser (1828-1890) geschnitzt. Als Sohn einer Bauernfamilie sollte ihn eigentlich die heimatliche Scholle anziehen, aber die Abenteuerlust trieb ihn immer wieder von zu Hause fort. Das Buchsermuseum in Bettlach bietet auf ihrer Internetseite eine detaillierte Aufzählung jeder einzelnen Station, fast 70 an der Zahl. Erstaunlich für das 19. Jahrhundert, als Reisen bei weitem nicht so bequem, sauber und gefahrlos wie in unserer Zeit war.

Die Informationen dieses Berichts habe ich dem wunderbar geschriebenen, mit Anekdoten und Zitaten vollgepackten Buch des Gottfried Wälchli, Frank Buchser 1828–1890. Leben und Werk, entnommen. 

Buchser war eine spannende Persönlichkeit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Sein Leben ist filmreif, verpasst hat er nichts.

Frank Buchser

Persönlichkeit

Buchser polarisierte. Er verachtete Autoritäten, aber duldete selber keinen Widerspruch. Kompromisse waren ihm stets zuwider, nicht immer zur Freunde seiner Mitstreiter, die einen gemäßigteren Weg gehen wollten.

Sein aufbrausendes Temperament brannte manches mal mit ihm durch. So beendete bezeichnenderweise ein Glaswurf an den Kopf eines Kontrahenten seine kurze politische Karriere.
Handgreifliche und blutige Vorfälle schildert Wälchli mehrere und so wundert es nicht, das Buchser-Stark sein Spitzname war. Ein Name, der seiner Eitelkeit schmeichelte und den er selber gerne verwendete.

Der Maler war gesellig und liebte den Wein und die Frauen. Er war sein Leben lang unverheiratet, aber kostete, wie es Wälchi im zurückhaltenden Ton sinngemäß formulierte, die weiblichen Früchte jedes Landes. An einer Stelle wurde der Autor erstaunlich explizit, als er einen Brief aus Marokko an des Künstlers Bruder zitiert. Buchser schwärmt hier von der traumhaften Auswahl der weiblichen Begleitungen und den unterschiedlichen Preisen, je nach ihrer Herkunft.

Frank Buchser - Nackte Sklavin mit Tamburin (1880)

Auch das Zechen war, typisch für das 19. Jahrhundert, oft in Vereinen organisiert. So gründete Buchser den von deutschsprachigen Künstlern gerne besuchten Goldklub in Rom, zum gemeinschaftlichen Besäufnis zu abendlichen Stunden, nach des Tages Werk. Ein schönes Loblieb auf den Goldklub und sein Oberhaupt sei hier zitiert:
Wo Buchser regiert, da ist gut wohnen,
drum kommen sie auch aus allen Zonen
zu trinken den Wein, den goldenen Wein
und sich des goldnen Humors zu freun:
Von Süd und Nord
und Ost und West.

Wer die Kneipe kennt,
der hält dran fest.

Drum lebe die Kneipe! Ein Vivat dem Buchser!
Zum Teufel die finsteren Federfuchser!

Er war ein Macher und Organisator, Verfasser von Petitionen, Vorreiter im Kampf für ein professionelleres Umfeld in der Schweiz.

Buchser war liberal und freiheitliebend. Erzogen im streng katholischen Glauben seiner Mutter, warf er die Fesseln des Glaubens, wie er sie empfand, früh ab. Noch am Sterbebett hatte seine Magd den Auftrag, jeden Versuch einer letzten Salbung des sterbenden Künstlers zu unterbinden.

Reisen

Frank Buchser - Der Kuss (1878) (101 x 70 cm)
Die Schweiz war in der Mitte des 19. Jahrhunderts ein Dritteweltland für die Kunst. Kein strukturiertes Ausbildungsystem, keine Akademien, keine ausreichende staatlichen Subventionen. Nichts. So war es nur natürlich, dass alle berühmten Maler wie Gleyre, Böcklin, Vautier oder Anker ihr Glück im Ausland suchten, vor allem in Frankreich und Deutschland.

Dies kam dem Forscherdrang Buchsers sehr entgegen. Er packte seine Koffer und machte sich auf nach Italien, Frankreich, Spanien, Belgien, Holland und England. Im Laufe dieser Jahre erwarb er eine solide künstlerische Ausbildung und erhaschte Eindrücke von der internationalen Kunst.

Sein erster Romaufenthalt war eine spannende Zeit. Er trat in die Schweizer Garde ein, um seine Studien zu finanzieren. Dies war jedoch nicht der erhoffte Zuckerschlecken, denn die Wächter des Papstes wurden von den Italienern verachtet. Der Job verlor deshalb schnell seine Attraktivität für den im vollen Saft stehenden Schweizer Jüngling. Für seine überbrodelnde Energie fand er aber bald ein passenderes Betätigungsfeld. Buchser schloß sich den Freiheitskämpfern Garibaldis an und fochte manch Gefecht an ihrer Seite.

Frank Buchser - Kapuzinerschule (1864 - 1871) (63 x 100 cm)

Die Gier nach neuen Abenteuern zog den Schweizer in die noch nicht ausgetretenen Pfade des Tourismus. Der warme, bunte Süden faszinierte ihn sehr. In den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts tauchte man in Spanien noch in eine Welt ein, die noch nicht eingeholt war vom Einheitsbrei der Moderne. Dies ändert sich jedoch bald. Schon in den 80er Jahren verdrängte die europäische Standard-Kleidung, wie Buchser in einem Brief wehmütig klagte, die bunten Volkstrachten aus dem Straßenbild.

Frank Buchser - Das Almosen (1860) (113 x 85 cm)

Von Andalusien war es nur ein Katzensprung nach Marokko. Er wollte dieses afrikanische Land als einer der ersten deutschsprachigen Maler für die Kunst entdecken. Ob Buchser Delacroixs frühere Reise auf ähnlicher Route kannte, ist mir nicht bekannt. Nach Marokko führte es ihn jedenfalls zum einen als Schlachtenmaler eines spanischen Expeditionsherres (Riffkrieg 1859-1860), zum anderen bereiste er das Land auf eigene Faust. Die Wege waren für Ausländer nicht immer gefahrlos, deshalb verkleidete sich Buchser als Geistlicher und heuerte einen einheimischen Begleiter an. So machte er sich auf den Weg ins Innere Marokkos. Sein südländisches Aussehen, mit dichten schwarzem Bart, half ihm, nicht als Fremder erkannt zu werden. Dieses Land und seine Kultur bewunderte er. Sein Leben lang war er von dem Glauben an die im Paradies wartenden Jungfrauen (Huris) faziniert. Die auf dem Selbstbild abgebildete schwebende nackte Frau symbolisiert wahrscheinlich diese Fantasie.

Frank Buchser - Kritik (Selbstbildnis) (1888) (153 x 103 cm)

Bewegend ist seine Beschreibung eines Juden in Fez, dessen Gang durch die Gassen eine tägliche, mit aufrechter Würde ertragene Tortur war. Die Juden wurden von den Einheimischen verachtet, beschimpft, geschlagen und bespuckt. Diese Szene hielt er in einer kleinen Skizze fest.

Frank Buchser - Ein Jude in den Straßen von Fez (1858) ) (30 x 22 cm)

Buchser sprach aufgrund seiner langjährigen Auslandsaufenthalte fünf Sprachen perfekt. Deutsch, Italienisch, Französisch, Englisch und Spanisch. Seine privaten Schreiben sind deshalb das ein oder andere Mal ein heilloses durcheinander verschiedener Sprachen, manchmal alle fünf gleichzeitig in einem Brief. Die Empfänger scheinen damit kein Problem gehabt zu haben und waren wohl ebenso sprachbegabt wie er.

Der weiter oben erwähnte Zwischenfall mit dem Glaswurf zog übrigens ein Gerichtsverfahren nach sich, welches zwar glimpflich ausging, aber seinem Ruf schadete. Zum Glück für den Maler bot sich gerade da die wunderbare Gelegenheit an, für einige Zeit von der Bildfläche zu verschwinden. Denn man kam in der Schweiz auf die glorreiche Idee, eine der kahlen Wände des neuen Bundeshauses mit einem Gemälde zur Verherrlichung des Sieges der freiheitlich, liberalen Nordstaaten im gerade erst beendeten Sezessionskrieg zu schmücken. Realisiert wurde diese schon zu Beginn von nationalen Kräften mit Kopfschütteln bedachte Idee nie, aber das wusste der mit höchsten Empfehlungsschreiben ausgestattete Buchser zum diesen Zeitpunkt natürlich noch nicht. In den USA wurde der Schweizer Staatskünstler freundlich empfangen und malte mehrere offizielle Porträts, sowohl des Präsidenten als auch von Führern der Nord- und Südstaaten.

Frank Buchser - Deutscher in Detroit (1868) (85 x 70 cm)

Buchser wurde das Privileg zu Teil, den noch unberührten Wilden Westen kurz vor Erschließung durch die Eisenbahn im Tross des General Sherman zu bereisen. Eine schöne Anekdote beschreibt Wälchli. Der Maler sitzt in der freien Natur an seiner Staffelei und wird plötzlich von neugierigen Indianern umringt, die solch Zauberpinsel wohl noch nie sahen. Mit seinem Malstock weist er ihnen den richtigen Abstand zu, um in den vollen Genuss seines Werkes zu kommen.

Im letzten Jahrzehnt seines Lebens zog es den Schweizer Weltenbummler nach Griechenland. Eine Hassliebe, wie man seinen Äußerungen entnehmen kann. Die Griechen selber erachtete er in einem Brief als die verrohtteste Sippe, die ihm je auf Reisen begegnet war. Diebstahl, Betrug und ein Überfall samt schwerer Verwundung scheinen diese Meinung geformt zu haben. Andererseits war er aber von den schönen Landschaften, wie in Korfu, verzückt.

Kunst 

Laut Buchsers eigenen Aussagen hatte er circa fünf Jahre an den verschiedensten Akademien studiert, eher er sein eigener Herr wurde. Positiv hervorgehoben hat er die Zeit beim Belgischen Maler Gustave Wappers, ähnlich wie der ansonsten sehr kritische Anselm Feuerbach, der ebenfalls Anfang der 50er Jahre Schüler Wappers war.

Frank Buchser - Selbstportät (1852) (63 x 53 cm)

Wie schwer es in der damaligen Zeit für Schweizer Künstler in ihrer Heimat war, wird immer wieder von Buchser in seinen Briefen betont. Er selber sah sich als Prophet, der im eigenen Land nichts galt. Im Ausland konnte er gewisse finanzielle Erfolge und Ansehen gewinnen, vor allem mit seinen Porträts, aber in der Schweiz waren die Absatzmöglichkeiten doch sehr bescheiden. So bittete und bettelte er ihm nahestehende Schriftsteller und Journalisten immer wieder um wohlwollende Kritiken an. Doch sein Flehen wurden nicht immer erhört, auch wenn es sich, wie im Falle des berühmten Gottfried Keller, um einen guten Freund handelte. Die Ausstellung seiner Bilder zu jeder sich bietenden Gelegenheit war selbstverständlich, teilweise sogar in selbst organisierten Shows, die nur mit seinen Werken bestückt waren.

Frank Buchser - Porträt des Peter Bohren (1873) (75 x 63 cm)

Das Hauptanliegen Buchsers war eine Professionalisierung der Rahmenbedingungen in der Schweiz. Der damalige Zustand trieb viele große Maler ins Ausland, da es in heimatlichen Gefilden nichts zu verdienen gab. Sein Ziel war zum einen eine jährliche, kantonübergreifend koordinierte Ausstellung, entsprechend dem großen Pariser Salon. Zum anderen eine großzügigere finanzielle Förderung der Künstler durch den Schweizer Staat, samt Bau einer Akademie. Die offiziellen Gelder flossen zu dieser Zeit in der Tat spärlich. Im Tausender-Bereich, wohingegen Millionen in Frankreich vom Staat ausgegeben wurden. Diese Bestrebungen leitete er maßgeblich ein mit Gründung einer Interessenvertretung und offizieller Petition. Wälchli widmete den Kämpfen und Streitigkeiten um das richtige Vorgehen ein ganzes Kapitel. Auch wenn das Ergebnis nicht ganz den Wünschen Buchsers entsprach, kann man ihn ohne großen Widerspruch als einen der Väter des modernen Schweizer Kunstwesens anführen.

Buchser wurde als Realist betrachtet, weil sein Streben nicht der Darstellung höherer Ideale galt, sondern er Themen aus dem wirklichen Leben bevorzugte. Seine Lieblingsmotive waren Außenseiter der Gesellschaft. Bettler, Banditen, Straßenkinder, Schwarze. Die Kritik überspannte dementsprechend alle Facetten. 

Frank Buchser - Art Student (1878) (72 x 101 cm)

Vom Lob der auf eine menschliche Stufe emporgehobenen benachteiligten Personen, über Hinweise auf die Showeffekte der übertrieben verdreckten Kleidung, bis zu der für die damaligen Zeit typischen, offen rassistischen Kritik, wie sie im folgenden zitiert sein soll:
... meinte selbst ein deutscher Kritiker, es sei "die unästhetische Negerwelt am wenigsten geeignet, dem darstellenden Künstler eine würdige Ausbeute zu liefern", sie schließe "die Schönheit völlig aus und biete noch weniger Objekte für die rein humane Auffassung und Repräsentation", ein Neger lasse sich "in der Kunst nur als Staffage oder in der Zusammenstellung und im Kontrast mit edleren Menschenerscheinungen verwerten".
FrankBuchser - As sweet as watermelons (ca. 1869) - Ol auf Leinwand (54,5 x 40 cm)

Wegen dieser Inhalte war seinen Bilder oft kein finanzieller Erfolg beschieden. Inhaltlich vielleicht akzeptiert, aber zu Hause an der Wand, nein, das war für die potentiellen Bildkäufer noch unvorstellbar.

Fazit 

Buchser war eine fazinierende Persönlichkeit und ein guter Maler. Seine Zeichnung war solide, aber nicht auf höchstem Niveau.

Frank Buchser - Im Indianerreservat bei St-Mary (1868) )30,3 x 58,1 cm

Die Kompositionen sind zu oft Stückwerk und es fehlt ihnen das harmonische Ganze. Man schaue sich nur sein großes Frühwerk Askese und Lebenslust an, bei dem die einzelnen Figurengruppen unnatürlich zusammengeschustert sind.



Frank Buchser - Askese und Lebenslust (1865) (102 x 153 cm)
Perspektiveprobleme finden sich des Öfteren, zum Beispiel im Bild Der göttliche Schweinhirt, bei dem die Propertionen der einzelnen Figuren nicht zu ihrer räumlichen Gliederung passen.

Frank Buchser - Der göttliche Schweinehirt (1882) (64 x 110 cm)

Den Figuren fehlt meinem Geschmack nach häufig das Blut in den Adern, sie leben nicht. Nicht das sie schlecht wären, aber den Vergleich zu den Porträts der großen akademischen Malern können sie nicht standhalten. Das nachfolgend abgebildete Gemälde General Sutters ist eines der besten und bekanntesten Porträts Buchsers.

Frank Buchser - Johann August Sutter (1866)

Ich war zu Beginn jedoch überrascht, wie früh seine Palette leuchtete, noch vor dem Siegeszug des Impressionismus. Nach Abschluß des Buches war das natürlich nicht mehr ganz so überraschend, wenn man in Betracht zieht, welch lange Zeit der Maler im sonnigen Süden verbrachte.

Frank Buchser - Malerin im Sonnenschein (1862) (34 x 25 cm)

Buchser selber sah übrigens Mary Blane (basierend auf einem damals bekannten Volkslied)

Frank Buchser - The Song of Mary Blane (1870) (103,5 x 154 cm)

und den Markt von Tanger als seine Hauptwerke an.

Frank Buchser - Markt von Tanger (1880) (64,5 x 112 cm)

Dem Marktreiben wurde zwar von Seiten der Kritik vorgeworfen, keine Benutzerführung zu bieten, weil die zentralen Blickfänge fehlen. In meinen Augen ist dies nicht wirklich von Belang. Die brütende Hitze und geschäftiges Treiben ist wunderbar festgehalten, so dass dieses Werk auch aus meiner Sicht das Magnum Opus des Malers ist.

Nachtrag

Habe gerade online einen Zeitungsbericht über die Eröffnung des Buchser-Museums gefunden. Beeindruckend ist das Engagement, die Begeisterung und der bewundernswerte private Einsatz des Herrn Leimer für einen der interessantesten deutschsprachigen Künstler aller Zeiten!