Samstag, 18. Februar 2017

Landesgalerie Hannover Teil 4 (Ende)

Fortsetzung 19. und Anfang 20. Jahrhundert

Deutschsprachige Künstler

Ich bin kein großer Freund des deutschen Impressionismus. In einer Liste meiner Top-20 Maler dieser Stilrichtung würde man nur einen Deutschen finden. Lovis Corinth, dessen kreative, außergewöhnliche Bildideen immer wieder beeindrucken. 
Wer einen schön bebilderten Überblick über den internationalen Impressionismus erhalten möchte, dem sei das günstig zu erwerbende Buch Impressionismus. Eine internationale Kunstbewegung 1860 - 1920 ans Herz gelegt.

Heinrich Dreber (1822 - 1875)

Der Dresdener Maler Heinrich Dreber ist mit einem großen, für eine italienische Villa bestimmten Gemälde in der Sammlung vertreten. Er teilte die Begeisterung seines Lehrers Ludwig Richter für idyllisch, friedvolle Szenen. Dank einer Erbschaft konnte er in Italien auf den Pfaden der klassischen Bildungsreise wandeln und nachfolgend seinen Wohnsitz dorthin verlegen. Bis auf kleine Abstecher sah ihn seine Heimat nie mehr wieder.
Der Auftraggeber des Gemäldes der Landesgalerie bestellte ein Arkadien-Motiv mit Blüten pflückenden Frauen, kleinen Kindern und dem obligatorischen Hirten. Also genau das Metier, welches Dreber mit Vorliebe bediente.

Heinrich Dreber - Tiberlandschaft im Frühsommer (1870/72)

Nah wirkt das Bild aufgrund der verwischten Malweise etwas unscharf, aber aus einer gewissen Entfernung entfaltet es seine volle Wirkung.

Heinrich Dreber - Tiberlandschaft im Frühsommer (1870/72) - Detail


Max Liebermann (1847 - 1935)

Mein Freund Liebermann kann malen, aber sein großes Problem ist, dass er es oft nur andeutete. Die Komposition und Lichtführung ist gefällig, jedoch war er an Vollendung im Detail nicht interessiert. Deshalb sind seine Bilder meist nur Studien, die nicht mehr als einen ersten gefälligen Eindruck bieten. Alles ist wage angedeutet, aber nichts verfeinert. Wenn er aber doch mal ein wenig fleißiger war, wie auf manch holländischen Bildern, kann er auch länger anziehend sein.

Max Liebermann - Holländische Dorfstraße (1885)
Ein Beispiel hierfür ist die Szene auf der holländischen Dorfstraße, bei der die beiden Bäuerinnen zum kurzen Plausch ihre Arbeit unterbrechen. Links und rechts von ihnen geht das Leben weiter, jeder ist mit seinen Aufgaben oder dem Spiel beschäftigt.

Max Liebermann - Holländische Dorfstraße (1885) - Detail
Die Momentaufnahme ist kein genau so erlebtes Szenario, sondern wurde im Studio aufgrund von Skizzen seiner Hochzeitsreise aus dem Jahr davor komponiert. Eben so, wie es seit Jahrhunderten gute alte Tradition war.

Ein anderes Bild der Sammlung stammt aus der Zeit seiner frühen Pariser Jahre und ist beeinflusst durch die Schule von Barbizon. Eines der Lieblingsthemen dieser Maler, Millet sei nur genannt, war die Darstellung von Bauern bei der Arbeit. Ungeschönt, aber doch komponiert.

Max Liebermann - Arbeiter im Rübenfeld (1874/75-76)
Liebermann schloss sich diesem Motivkanon an, in dem er in klassischer, friesartiger Darstellung neun Feldarbeiter(innen) aufgereiht darstellt. Es besteht kein Gleichklang zwischen den Personen. Jede ist mit einer anderen Haltung abgebildet. Das Bild würde eine ganz andere Wirkung erzielen, wäre die Bewegung der Arbeiter völlig synchron. Ein Gemälde des sozialistischen Realismus würde damit den Erfolg gemeinsamer körperlicher Arbeit glorifizieren. Solch eine politische Botschaft war natürlich überhaupt nicht in dem Sinne des freiheitlich denkenden Liebermanns. Er fand einfach das Leben der Bauern malerisch und gut geeignet für seine großen Werke. Nicht mehr und nicht weniger.

Max Liebermann - Arbeiter im Rübenfeld (1874/75-76) - Detail
Ein kleine Anmerkung noch. Das Gemälde ist sehr dunkel und dies bestimmt nicht nur aufgrund seines Erhaltungszustands. Man sieht hier anschaulich, dass breiter, impressionistischer Stil nicht immer mit heller Farbgebung verbunden sein muss.

Gotthardt Kuehl (1850 - 1915)

Es gibt zwei Gruppen von akademischen Malern, die in ihren späteren Jahren den Impressionismus umarmten. Zum einen diejenigen Künstler, denen das technische Können für vollendet gemalte Gemälde sowieso fehlte und die freiere Technik der Impressionisten automatisch entgegenkam. Ein Beispiel ist der später vorgestellte Trübner. Zur anderen Gruppe gehören Künstler, die Bilder in beiden Stilen malen können, so wie der hier im Blickpunkt stehende Gotthardt Kuehl.

Gotthardt Kuehl - Der Besuch (um 1900)
In jüngeren Jahren malte er einige tolle, technisch vollendete Genrebilder. Aber sein elfjähriger Aufenthalt in Paris überzeugte ihn von den neuen Strömungen in der Kunst. Dadurch wurde sein Pinselstrich breiter. Deshalb kann man seine frühen Gemälde gut von den aus späteren Jahren unterscheiden.
Das Bild in Hannover wird deshalb erst auf 1900 geschätzt. Sein Titel ist Der Besuch, was überraschend ist, wenn man das Bild betrachtet.

Gotthardt Kuehl - Der Besuch (um 1900) - Detail
Wo ist der Gastgeber? Wer hat die Tür geöffnet? Hatte die etwas zögerlich eintretende Dame einen Schlüssel? Warum hat Kuehl zwei Paar Hausschuhe gemalt? Wieso ist der Vorhang geschlossen?

Gotthardt Kuehl - Der Besuch (um 1900) - Detail

Ist dir klar, was hier geschieht? Vielleicht mussten die Gastgeber wegen eines dringenden Notfalls früh am Morgen ihre Wohnung verlassen. Nun stand ihr Besuch, eine gute Freundin, vor der Tür und wunderte sich, warum keiner da ist. Genau für solch einen Fall wurde ihr vor längerer Zeit ein Ersatzschlüssel anvertraut. So öffnete die Dame zögerlich die Tür. Diesen Moment der Spannung malte Kuehl, der uns aber keine weiteren Hinweise darüber gibt, was genau geschah.

Franz Skarbina (1849 - 1910)

Skarbina gehört zu den bekanntesten Berliner Impressionisten. Obwohl er an der Akademie ausgebildet war und dort über viele Jahre als Professor lehrte, stand er den neuen Richtungen in der Kunst aufgeschlossen gegenüber. Da er die Entscheidung im Fall Munch (meine Meinung dazu hier) nicht stützen wollte, trat er aus dem mächtigen Verein Berliner Künstler aus.
Mit anderen Abtrünnigen gründete er, als zweitältestes Mitglied hinter Liebermann, die Vereinigung der Elf. Auch sein Lehramt legte er im Jahre darauf nieder. Das Skarbina kein Sturkopf war, zeigte sich einige Jahre später, als er wieder in den Verein Berliner Künstler eintrat. Aber auch Anton von Werner war nicht nachtragend. Er verlor in seiner Autobiografie kein böses Wort über seinen Freund, dessen Ausscheiden er sehr bedauerte.

Franz Skarbina - In der Katharinenkriche zu Hamburg (1892)
Franz Skrabina malte mit Vorliebe Frauen. So wundert es nicht, dass auch in einem seiner wenigen Kirchen-Interieurs (eigentlich habe ich gar kein anderes gefunden) eine Besucherin im Mittelpunkt steht. Die Frau übt, unbeachtet von den Jungen im Hintergrund, für die kommende Chorprobe. Das grünliche Licht aus dem Vorraum erzeugt einen angenehmen Kontrast zu dem sonst fast nur in Brauntönen gehaltenen Bilde.

Franz Skarbina - In der Katharinenkriche zu Hamburg (1892) - Detail
Der Maler Ferdinand Hodler gehört zu den bekanntesten Malern der Schweiz. Ich finde seine großflächige Jugendstil-Malerei aber eher einschläfernd, sie berührt mich meist nicht. Je neuer die Bilder, umso weniger kann ich Positives an ihnen entdecken.
Überzeuge dich selber. Man kann bei The Athenaeum, dort sind aktuell 139 Bilder Hodlers hochgeladen, eine chronologische Sortierung einstellen (siehe hier).
Das Gemälde der Landesgalerie ist eines seiner besseren Werke. Inhaltlich war es an die Vorgaben einer Wettbewerbs-Ausschreibung gebunden, welche die Darstellung von Reisenden in den Alpen verlangte.

Ferdinand Hodler - Die Vision (1889)
Hodler Umsetzung ist etwas verwirrend und man weiß nicht genau, was der Titel Die Vision suggerieren soll. Ursprünglich waren links oben auf dem Felsmassiv drei Bergsteiger abgebildet. Sollte der Blick zu diesen Männern hoch die Vision der einsam kletternden Dame verdeutlichen, dieses für sie noch so ferne Ziel zu erreichen. Vielleicht schien dies Hodler am Ende doch zu profan und er wollte eine höhere, mystische Symbolik andeuten. Deshalb übermalte er vor Abgabe seines Beitrags die drei Bergsteiger und lies die Kletterin alleine übrig in der abgelegenen Bergregion. Ihre Sinne sind von den mächtigen Felsen und der Höhenluft benebelt und die irreal leuchtenden gelben Wolken verdeutlichen, dass sie hier in ein andere Sphäre außerhalb der menschlichen Trivialitäten eintritt.

Ferdinand Hodler - Die Vision (1889) - Detail

Otto Modersohn (1865 - 1943)

Eines der schönsten Bilder der gesamten Sammlung ist die große Moorlandschaft Otto Modersohns. Die Aufhängung direkt neben dem akademischer Meisterwerk Pilotys bildet einen interessanten Kontrast, der keinem der beiden Werke schadet.

Otto Modersohn - Moorlandschaft (1903)
Es ist ein Stimmungsbild mit einer besonderen Ausstrahlung, die im Betrachter unterschiedlichste Gefühle hervorlocken kann.

Otto Modersohn - Moorlandschaft (1903) - Detail

Ich war überrascht, auf der Informationstaffel das Bild ganz anders gedeutet zu finden, als ich es gesehen habe. Dort wird das junge Mädchen
... als Träger der Hoffnung aufzufassen sein, dass das alt Hergebrachte sich erneuernd weiter Bestand habe. Eine solch auch politisch zu verstehende Auffassung von Heimat war in Worpswede durchaus gängig.
Mein erster Eindruck war völlig anders. Ich war an Szenen aus Filmen von Tim Burton, wie Alice im Wunderland, erinnert. Das kleine Kind ist einsam und verlassen, sie hat sich verlaufen. Seit Stunden irrte sie verloren hin und her. Die Zeit rinnt davon und der dunkle Abend naht. Von Minute zu Minute wirkt die Landschaft unheimlicher. Wohin nun? Weiter gerade aus kann sie nicht, das Wasser wird sie verschlingen. Auch der Rückweg ist durch den sich biegenden Baum abgeschnitten. Sie ist gefangen.

Otto Modersohn - Moorlandschaft (1903) - Detail
Wollen wir hoffen, dass es doch noch ein glückliches Ende gab. Diese Gemälde ist jedenfalls das mit Abstand eindrucksvollste Bild eines Worpsweder Malers, welches ich bisher gesehen habe.

Paula Modersohn-Becker (1876 - 1907)

Voller Stolz vermerkt die Onlineseite des Landesmuseums, dass nach langer Zeit, erstmals seit über zehn Jahren, wieder nahezu alle 35 Gemälde der Paula-Sammlung präsentiert werden. Die Freude war bei mir gemäßigter. Ich finde ihren dilettantischen Realismus meist schrecklich. Langweilige, simple Stillleben und Bildnisse, keine Komposition, keine Technik. Meine Meinung zum Expressionismus habe ich ja mehrfach geäußert, siehe zum Beispiel hier. Deshalb darf es niemand verwundern, dass ich nur ein Bild gefunden habe, welches mir aufgrund seines ungeschönten Naturalismus gefiel.

Paul Modersohn-Becker - Stillende Mutter (um 1903)
Die stillende, lebenspendende Mutter ist seit Menschengedenken ein Motiv in der bildenden Kunst. Als Maria lactans wird es im Zusammenhang mit der Mutter Gottes bezeichnet. Paula Modersohn-Beckers Bild hat jedoch keinen religiösen, sondern einen weltlichen Hintergrund. Es wird keine ihr Neugeborenes in inniger Liebe bestaunende Mutter, sondern eine besorgt in die schwere Zukunft blickende Frau mit Ängsten und Sorgen gezeigt. So wie das Leben eben nun mal leider häufig ist.
Technisch hat das Bild seine Schwächen. Die Fußstellung des Kindes oder die linke Hand der Mutter mit der Teufelskralle sehen schon sehr merkwürdig aus. Die grobe Malweise ist eher amateurhaft. Aber immerhin, dies ist bestimmt eines ihrer besten Werke.

Lovis Corinth (1858 - 1925)

Wie schon oben erwähnt, ist Corinth mein Favorit unter den deutschen Impressionisten. Seine Bildfindungen sind oft ungewöhnlich und hinterlassen einen bleibenden Eindruck. Aufgrund seiner groben, hingespachtelten Malweise ist der Markt natürlich auch mit vielen Schnellschüssen übersät, doch es gibt genug von ihm, das eines zweiten Blickes wert ist.
In seinen Selbstbildnissen lotet er alle möglichen Empfindungen aus. Er idealisiert sich zum ritterlichen Helden oder zum deformierten Wrack. Himmelhochjauchzend oder zu Tode betrübt.
Er scheut nicht zurück vor nackten Tatsachen oder Blut und ergötzt sich an außergewöhnlichen Perspektiven. Überraschend sachlich und klar, für solch einen intensiven Maler, ist seine Selbstbiographie, die man online zum Beispiel hier kostenlos lesen kann. Es lohnt sich.

Das größte Bild Corinths der Sammlung in Hannover ist eine Totenklage ohne konkreten Hintergrund aus Sage, Religion oder Literatur.

Lovis Corinth - Totenklage (1908)
Ein junger Mann liegt tödlich verwundet am Boden. Wir erkennen verschiedene kleinere Verletzungen am Oberkörper, aber woran er genau gestorben ist, sehen wir nicht. Es hat auf jeden Fall einen Kampf gegeben, da der Tote noch sein Schwert in der linken Hand hält. Obwohl Corinth mit Blut spart, wird man aufgrund der extremen Nahsicht, der verzahnten Körper und verzerrten Gesichter in das Geschehen hineingezogen.

Lovis Corinth - Totenklage (1908) - Detail
Vielleicht möchte der Anführer in der Mitte gleich unseren Ratschlag hören, wie wir auf diesen schmerzhaften Verlust reagieren sollen. Die Gedanken rasen. Wut und Trauer bestimmen unser Denken. Was ist jetzt zu tun, wir müssen eine schnelle Entscheidung treffen.
Bei diesem Bild ging es dem Maler nur um das menschliche Schicksal. Die Landschaft würde nur ablenken, deshalb hat er ganz auf sie verzichtet. Auch die Perspektive muss nicht vollkommen realistisch sein. Die Wirkung war ihm wichtiger. Die Proportionen des Anführer sind übertrieben. Er wäre ein Riese, würde er stehen. Aber aufgrund dieser Komposition bekommt er ein noch größeres Gewicht in der Darstellung.

Corinth liebte die Frauen und die Frauen liebten ihn. Nicht nur als Liebhaber, sondern auch als Lehrer der Malerei. Denn er verwirklichte Anfang des 20. Jahrhunderts seinen Traum von einer eigenen Malschule nur für Damen. Für Frauen war es zu der Zeit immer noch schwer, die Künstlerlaufbahn einzuschlagen. Sie wurden als Mal-Weiber belächelt und nicht ernst genommen. Doch solche gesellschaftlichen Vorurteile interessierten ihn nie. Seine erste Schülerin wurde seine Frau, obwohl sie nur ungefähr halb so alt war wie Corinth. Konventionen und Standards lagen ihm fern. So auch in seinen Aktbildern.

Lovis Corinth - Italienerin im gelben Stuhl (1912-13)
Er malte keine makellosen, schlanken Idealgestalten, sondern Frauen aus dem wirklichen Leben. Rundungen werden nicht kaschiert, sondern betont. Die Haut ist, wie bei den flämischen Barockmalern, in unterschiedlichsten Tönen gemalt und hat wenig mit der glatten, perfekten Haut vieler Salonmaler gemein.

Lovis Corinth - Die Nacktheit (1908)
Dass macht diese Darstellungen in meinen Augen viel anziehender, als all die geleckten, austauschbaren Nacktdarstellungen der meisten akademischen Maler.

Lovis Corinth - Ruhender Akt (1910)
Dabei verzeiht man ihm auch die ein oder andere Faulheit, wie zum Beispiel an den schnell hingeschluderten Händen.

Lovis Corinth - Details

Ende 1911 erlitt er einen Schlaganfall und war halbseitig gelähmt. Deshalb nimmt die Qualität seiner Bilder ab 1912 stetig ab. Sie werden immer skizzenhafter und haben nur noch wenig mit Kunst zu tun.
Aber immer wieder schimmert ein reizvolles Werk durch, welche zeigt, dass auch mit wenigen Strichen, in der Hand eines geschulten Meisters, etwas Kunstvolles entstehen kann.

Lovis Corinth - Dame im Pelzmantel (1921)
Mit breiten, gleichgerichteten Pinselstrichen malte Corinth das Gesicht der lächelnden Dame. Sie strahlt uns mit ihren weißen Zähnen freudig an. Man bekommt direkt gute Laune. Danken wir dem Maler für die Abwechslung, nach all den bierernsten Porträts, die man sonst in Museen erblickt, ein glückliche Antlitz zu sehen.

Lovis Corinth - Dame im Pelzmantel (1921)
In seinem Buch, Erlernen der Malerei, schrieb Corinth Folgendes:
Der Stoff kann hundertfach behandelt sein; wie der bestimmte Maler ihn auffast, das macht das Bild neu und zum Kunstwerk.
Das war keine Maxime, der er krankhaft folgte, die ihm aber immer mal wieder glückte. So auch in dem Bildnis der Dame mit dem gigantischen Hut nach neuster Mode, der ein Großteil der oberen Bildfläche einnimmt.

Lovis Corinth - Bildnis Frau Luther (1911)
Hat man dieses Bildnis einmal gesehen, vergisst man es so schnell nicht mehr. Die sich vornehm gebende Frau Luther, Gattin eines erfolgreichen Zuckerexporteurs, ist in Dreiviertelfigur dargestellt. Sie schaut uns mit ihren großen Augen selbstbewusst an, ihrer neuen gesellschaftlichen Stellung entsprechend. Das kleine Schoßhündchen ist bis in unsere Zeit hinein ein Symbol der Damen der besseren Gesellschaft. Die Farbgebung dieses dekadenten Porträts ist mit den verschiedensten Blautönen und dem rosa-lila Kopfschmuck des Hundes besonders auffällig.

Lovis Corinth - Bildnis Frau Luther (1911) - Detail
Das Gemälde ist eines derjenigen impressionistischen Bilder, die perfekt abgerundet sind und bei denen sogar ich keine Vollendung in den Details vermisse. Hier ist Corinth ein wirklich tolles, fesselndes Bildnis gelungen.

Max Slevogt (1868 - 1932)

Den Bildern Slevogts sieht man an, das er akademisch geschult ist. Die Kompositionen sind meist gefällig und den Salonmalern nahe. Aber der Mangel an ordentlichen Feinschliff degradiert sie meist nur zu gefälligen Studien, die früher nicht die private Sammelmappe großer Meister verließen. Ich sehe ihn nicht auf einer Stufe mit Corinth, aber er zählt bestimmt zu den besten deutschen Impressionisten.
In Hannover sind einige Werke von ihm ausgestellt, wobei ich zwei Bildnisse und ein dramatisches Geschehnis herauspicken möchte.

Der im vollen Profil abgebildete Herr hat ein markantes Gesicht, welches sowohl strenge als auch freundliche Züge besitzt.

Max Slevogt - Bildnis des Schauspielers Emil Thomas (1903)
Meine Vermutung war Theologe, aber es ist der bekannte Schauspieler und Theaterdirektor Emil Thomas. Slevogt hat ihm mit wechselnder Pinselrichtung und hellen und rötlichen Farbakzenten einen lebendigen Ausdruck verliehen.

Max Slevogt - Bildnis des Schauspielers Emil Thomas (1903) - Detail
Das folgende Gemälde einer schwarzhaarigen Dame wurde beim Erwerb 1911 als Weibliches Bildnis (Skizze) bezeichnet. Hierbei sind zwei Dinge auffällig. Zum einen der Verweis auf das Skizzenhafte der Darstellung. Manch Museumsbesucher wird die Unterscheidung zwischen Skizze, Studie und fertiges Gemälde gar nicht kennen, da wir durch das gleichmachende Axiom, alles sei Kunst, indoktriniert sind.
Das hier abgebildete Werk sollte einen ersten Eindruck von der Person vermitteln, mehr nicht. Skizzen auf diesem Niveau malte ein akademischer Maler hundertfach in seinem Leben. Slevogt selber hätte es nicht als Museumsreif betrachtet.
Aufgrund der ganzen Kriegsverluste und dem Weg in den Papierkorb, den solche Werke häufig fanden, ist es dennoch eine interessante Erweiterung der Sammlung.

Max Slevogt - Weibliches Bildnis (um 1902)
Die schöne, mit breitem Pinselstrich gemalte Skizze, stellt eine etwas zerzaust ausschauende, schwarzhaarige Dame dar. Und damit wären wir bei der zweiten Auffälligkeit. Es wird nämlich kein konkreter Name genannt. Es gibt jedoch eine Vermutung auf der Informationstafel, die mir plausibel erscheint. Auf der Rückseite steht in Bleistift notiert: Kopf E.B..Es besteht die Vermutung, dass es sich hierbei um die Schauspielerin Elsa Berna handelt. Wenn man Slevogts Bild mit der Getty-Fotografie der Schauspielerin vergleicht, könnte dies schon stimmen. Ähnlichkeiten, zum Beispiel der Mund, sind definitiv vorhanden. Was meinst du?

Slevogt war ein schlauer Fuchs. Er liebte seit jeher die Darstellung von Kämpfen. Die Konfrontation von Mann und Frau ist hierbei ein besonders reizvolles Motiv. Er wollte jedoch nicht die ausgetretenen Pfade des Frauenraubs in der klassischen Mythologie gehen (Raub der Persephone oder der Raub der Sabinerinnen), sondern einen etwas anderen Akzent setzen.

Max Slevogt - Frauenraub (1905)
Da kam er auf die Idee des grün wuchernden Dschungels, um die Aufmerksamkeit auf sein Bild zu lenken. Ein wilder Mann überfällt sein weibliches Opfer. Im Gegensatz zum Bildtitel und der martialischen Beschreibung der Informationstafel (überfällt, zerrt, gewaltsam zu Boden reißen) hatte ich, naiv wie ich bin, die Szene erotisch aufgeladen, als Spiel gedeutet.

Max Slevogt - Frauenraub (1905) - Detail
Nach dem Motto: Was sich liebt, das neckt sich. Grund für meine Einschätzung ist der Blick der Frau, den ich im Museum als leichtes Lächeln auslegte. Aber die Nahsicht am Computer überzeugte mich doch von der Ansicht der Kuratoren. Einfach für den Betrachter ist es bei der schwammigen Malweise jedenfalls nicht.

Max Slevogt - Frauenraub (1905) - Detail

Wilhelm Trübner (1851 - 1917)

Trübner ist bei den Kritikern beliebt, weil er den Sprung vom akademisch ausgebildeten Maler zum Impressionisten geschafft hat. Das ist kein Wunder, denn seine frühen Gemälde, wie das der Landesgalerie, sind schon immer mit relativ breitem Pinsel gemalt.

Wilhelm Trübner - Balgende Buben (1872)
Wenn das Bild der raufenden Jungen von einem Maler der Biedermeierzeit stammen würde, wäre es wohl zu Unrecht als veraltet und kitschig abgestempelt worden. Mit der richtigen Signatur sieht es aber ganz anders aus.

Wilhelm Trübner - Balgende Buben (1872) - Detail
Wie die Informationstafel anmerkt, sind der Umsetzung, typisch für die akademische Vorgehensweise, Einzelstudien vorausgegangen, die dann in dem Gemälde zusammengesetzt wurden.
In Vergleich zu anderen Malern seiner Zeit wirkt das Endergebnis immer noch studienhaft. Nichtsdestotrotz hat das Bild aufgrund des unterhaltsamen Motivs seinen Reiz. Einige der gerade ordentlich durchgeprügelten Jungs würden dies wohl anders sehen. Aber es wird hoffentlich für alle Kinder glimpflich ausgegangen sein.

Wilhelm Trübner - Balgende Buben (1872) - Detail

Albert Weisgerber (1878 - 1915)

Ich dachte, ich sehe nicht richtig. Was hat ein Bildnis aus neuer Zeit in der Sammlung des frühen 20. Jahrhunderts verloren.

Albert Weisgerber - Selbstbildnis (1908)
Der junge Mann sieht mit seinem offenen Hemd und dem locker sitzenden Blazer wie eine Person unserer Zeit aus. Jedoch ist das Selbstbildnis schon 1908 entstanden. Gemalt hat es der mir bisher völlig unbekannte Albert Weisgerber. Er schaut auf dem Gemälde selbstbewusst, mit klarem Blick, in die Ferne.

Albert Weisgerber - Selbstbildnis (1908) - Detail
Nicht zu Unrecht, denn er hatte in den Jahren zuvor erste Bilder an Museen verkauft und eine hoffnungsvolle Zukunft vor sich. Doch das Schicksal wollte es anders. Der erste Weltkrieg brach aus und der Tod nahm ihn, wie so viele seiner Zeitgenossen, allzu früh zu sich. 
An dem Gemälde von Brandenburg kann man eine Deutung des häufig verwendeten Begriffs des Malerischen erklären.
Dieses Wort wird mit den verschiedensten Intentionen verwendet, als da wären:
  • Das Motiv des Bildes ist malerisch. Es ist schön und gefällig anzusehen, was immer auch der Einzelne darunter versteht.
  • Die technische Umsetzung wird als malerisch aufgefasst bezeichnet. Damit ist letztendlich alles gemeint, das nicht vollendet gemalt ist. Die Pinselarbeit ist noch zu erkennen, Details werden nur angedeutet.
  • Ein dritte Deutung ist das Phänomen, bei dem man in Nahsicht nur einzelne, scheinbar zufällige Pinselstriche sieht, dann aber, beim Zurückgehen, das wahre Bild vor Augen erscheint. Ein kleines Wunder also. Man erkennt auf einmal den Arm, die Nase, das Kleid in ihrer vollen, voluminösen, räumlichen Ausprägung. Oder, mit anderen Worten, das Malerische ist die Umwandlung vom Zweidimensionalen ins Dreidimensionale. Soweit die Theorie, die in der Praxis dann meist doch an fehlendem Können scheitert, weil nur die wenigsten ein Velázquez oder Frans Hals sein können. Der Kritikerpapst Mani de Li hat diesem Effekt in seinem Buch übrigens ein ganze Kapitel gewidmet.
Martin Brandenburg - Blühender Bauerngarten an der Ostsee (um 1918)
Brandenburgers Bild passt perfekt zur dritten Variante. Denn der Unterschied zwischen Nah und Fern ist verblüffend. Direkt vor dem Bild stehend sieht man ein faszinierendes Farbtupfer-Chaos, welches sich aus weiterer Entfernung in einen grünen Garten verwandelt.

Martin Brandenburg - Blühender Bauerngarten an der Ostsee (um 1918) - Detail
Vielleicht würde hier sogar der Begriff des umgekehrt malerischen passen, da das Gemälde von Fern eher langweilig ist, aber von Nah eine außergewöhnliche Pinselakrobatik enthüllt, die bei einem realistischem Motiv ihres Gleichen sucht.
Dieses Vorgehen scheint, wenn man dies anhand der paar anderen Bilder im Internet überhaupt beurteilen kann, eine Ausnahme im Schaffen des Künstlers gewesen zu sein. Das technische Kunststück ist zwar zu Beginn ein Blickfang, verkaufte aber auf Dauer keine Bilder.
Mich, der normalerweise keinen großen Wert auf die Pinsel-Handschrift legt, hat diese Malerei auf jeden Fall beeindruckt.

Fazit

Wer die Möglichkeit hat, Hannover zu besuchen, darf die Landesgalerie auf keinen Fall verpassen. Der Eintritt ist billig, die Sammlung breit, für jeden ist etwas dabei. Viele Gemälde sind Teil des Kulturerbe Niedersachsen und können dort online in hoher Auflösung betrachtet werden.

Landesgalerie Hannover Teil 3

Fortsetzung 19. und Anfang 20. Jahrhundert

Landesgalerie Hannover
In diesem und dem nachfolgenden vierten und letzten Teil der Serie über die Landesgalerie Hannover werden vor allem Bilder aus dem Umkreis der Impressionisten vorgestellt. Der lockere, impressionistische Farbauftrag ist keine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Schon immer haben große Meister Teile ihres Bildes, zum Beispiel den Hintergrund, in dieser Manier gemalt. Studien zur Vorbereitung der richtigen Gemälde wurden oft in dieser groben Malweise umgesetzt. Sie dienten, wie der Name schon andeutet, dem Studium der gewünschten Farbfindung, des Bildaufbaus und der Lichtverteilung. Waren also ein Schritt auf dem Weg zum fertigen Kunstwerk. In den Händen eines akademisch geschulten Malers, der sein Handwerk versteht, können dabei wunderbare Bilder entstehen, auch ohne Vollendung im Detail.

Dänische Künstler

Das Kunstleben pulsiert meist in großen Städten. Dort sind die Akademien, das bewundernde Publikum und die Geldgeber zu finden. Doch auch immer wieder hinterließen abgelegenere Regionen ihren Stempel in den Geschichtsbüchern. Bekanntestes Beispiel aus dem 19. Jahrhundert ist bestimmt die Schule von Barbizon. Doch auch das kleine Dänemark hatte mit der Skagener Malerkolonie einen Anziehungspunkt an der Peripherie des Landes. Im Gegensatz zur eher unbedeutenden deutschen Künstlerkolonie Worpswede ist die dänische auch im englischsprachigen Raum bekannt. Wichtige Namen sind Frits Thaulow (Norweger), Laurits Tuxen oder ihr inoffizielles Oberhaupt Krøyer, vom dem eine schöne Studie in der Landesgalerie zu finden ist.
Beginnen wollen wir jedoch mit zwei Dänen aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Frederik Sødring (1809 - 1862)

Sødring war ein Maler der Romantik. Beeinflusst wurde er, wie der im vorherigen Teil kurz vorgestellt Gille, von Johan Christian Claussen Dahl. Ein Teil seiner Lehrjahre verbrachte er München. Das Gemälde der Landesgalerie enthalten die Zutaten, wie sie für diese Kunstrichtung typisch sind. Zur Linken sehen wir malerisch erleuchtete Kreidefelsen, die Zeugen einer längst vergangenen Zeit sind und im ewigen Kampf mit den Naturgewalten stehen. Doch die wilde See forderte dieses Mal ihren Tribut von den Menschen. Sie spuckte am Ende ihres tödlichen Spiels das Schiffswrack zur Küste aus. Der Mensch ist klein und machtlos gegenüber der Natur und muß sich den gewaltigen Kräften fügen, die er gleichzeitig bewundert und fürchtet.

Frederik Sødring - Kreidefelsen auf der Insel Mon (1831)

Das Bild hat aber auch eine politisch, gesellschaftliche Komponente, wie die Informationstafel nahelegt. Dänemark verlor 1814 im Rahmen des Kieler Friedens seine Großmachtstellung. Diese Schmach wurde durch Stolz auf die heimatliche Natur, als Teil neuer nationaler Identitätsfindung, kompensiert. Symbolisiert wird dies durch die hell erleuchtete, phallusartige Gesteinsformation, die eine aufstrebende Zukunft für das Land suggeriert.

Frederik Sødring - Kreidefelsen auf der Insel Mon (1831) - Detail


Constantin Hansen (1804 - 1880)

Der Maler Hansen ging den Weg vieler seiner Zeitgenossen. Sein Traum war die klassische Bildungsreise Richtung Italien mit Ziel Rom. Dort traf er viele Gleichgesinnte. Es gab zwar Kontakt zwischen den Künstlern der verschiedenen Nationen, aber meist hingen sie doch vor allem mit ihren Landsleuten rum. Eine offizielle Akademie in Rom finanzierten nur die Franzosen. Andere Nationen, wie die Deutschen oder Dänen, trieben ihr Unwesen in privaten Gemeinschaften, Deutsche natürlich im Verein. 
Hansen war ein vielseitiger Künstler. Er war Historienmaler, Porträtist, Radierer und stattete mit seinen Fresken große öffentliche Gebäude wie die Universität und das Hoftheater in Kopenhagen oder den Dom in Roskilde aus.
Hansens Malerei ist zwischen Klassizismus und Biedermeier angesiedelt. Im Landesmuseum ist ein schönes, zeitloses Porträt des Künstlers ausgestellt.

Constantin Hansen - Porträt Christiane Købke (1854)

Vor dunklem Hintergrund schaut uns die Schwester seines Malerfreundes Købke mit großen Augen an. Was mag sie wohl denken, was bewegt sie? Hansen lässt uns nicht hinter die Fassade blicken. Das Unnahbare wird durch den Jahrhunderte alten Kniff verstärkt, die rechte Seite des Bildes zu verdunkeln. Das macht das Gemälde interessant, aber hält uns auch einen Teil der Persönlichkeit der Dargestellten vor. Dies wird jedenfalls dadurch suggeriert.

Constantin Hansen - Porträt Christiane Købke (1854) - Detail

Peder Severin Krøyer (1851 - 1909)

Krøyer kann in einem Atemzug mit Schwergewichten des Impressionismus wie John Singer Sargent , Joaquín Sorolla oder Giuseppe De Nittis genannt werden, deren Behandlung des Lichts meisterhaft war. Seine Gemälde sind nach akademischen Regeln aufgebaut, Perspektivfehler oder Verzerrungen, wie bei den deutschsprachigen Künstlern, findet man bei ihm nicht. Darstellungen mit dem Meer links und dem Strand im 45 Grad Winkel war einer seiner liebsten Bildkompositionen. Dies erzeugt eine große Tiefe, wie man hier, hier oder auch im Bild der Hannoverschen Sammlung sehen kann.

Peder Severin Krøyer - Südstrand bei Skagen (1884)
Die Nahaufnahme verdeutlicht seine technische Meisterschaft in der Darstellung des Meeres. Die kleine Welle hinter den drei Jungs ist mit teilweise dickerem Farbauftrag am Wellenkamm, dunkler Linie und hellen Glanzlichtern perfekt gemalt. Jeder Pinselstrich zeugt von sicherer Beherrschung der Technik. Dies kann man auch an dem mit einfachsten Mitteln entstanden Schaum der Gischt und den Bewegungen des Wassers bewundern.

Peder Severin Krøyer - Südstrand bei Skagen (1884) - Detail

Anna Ancher (1859 - 1935)

Es gibt einige Parallelen zwischen der Malerin Anna Ancher und dem deutschen Pendant Paula Modersohn-Becker. Beide waren Teil einer Malerkolonie (Skagen - Worpswede), heirateten jeweils einen ihrer Kollegen aus der Gemeinschaft (Michael Ancker und Otto Modersohn), waren vom Impressionismus beeinflusst und werden heutzutage verehrt. Ihre Wikipedia-Seiten sind sehr ausführlich. Es gibt aber einen großen Unterschied zwischen den beiden Damen. Im Gegensatz zur deutschen Dilettantin konnte Anna Ancher wirklich malen.
Eine ihrer Spezialitäten waren Interieurs im Stille der großen Niederländer des 17 Jahrhunderts. Häufig sind es Frauen, die sie bei der täglichen Arbeit, dem Lesen oder einer kurzen Verschnaufpause abbildete. Meist sitzen sie am Fenster, um das Tageslicht zu nutzen. Uns heimliche Betrachter bemerken sie gar nicht, es entsteht kein Blickkontakt.

Anna Ancher - Mutter mit Kinde (1890/95)
So wie im Hannoverschen Gemälde der jungen Frau mit ihrem Kind auf dem Schoss. Sie ist tief in Gedanken versunken, die wir nicht deuten können. Existenzängste, wie auf dem später abgebildeten, ähnlichen Gemälde der Modersohn-Becker, plagen sie wohl nicht. Auch die Informationstafel wagt keine Schlussfolgerung. Wollen wir hoffen, dass es nur die kleinen alltäglichen Probleme sind, die sie beschäftigen.

Anna Ancher - Mutter mit Kinde (1890/95) - Detail

Lauritz Andersen Ring (1854 - 1933)

Der Däne Ring malte am liebsten das, was er sah. Er wollte keine Geschichten erfinden oder idealisieren. Die Natur und die Menschen seiner Heimat Seeland waren sein liebstes Bildmotiv. Es sind keine spektakulären Motive, er hat einfach ungeschönt das gemalt, was ihn umgab.

Ein Weg seines Dorfes, der aufgrund der unterschiedlichen Farbigkeit der Häuser seinen Reiz entwickelt, ist auf dem kleinen, in Feinmalerei umgesetzten Bild der Landesgalerie zu sehen.

Lauritz Andersen Ring - Weg in Baldersbrønde (1913)
Es ist Winter. Die Wege zweier älterer Bewohner der Siedlung, die sich wahrscheinlich schon Ewigkeiten kennen, kreuzen sich. Sie hatten eben noch ein paar belanglose Neuigkeiten und Klatsch ausgetauscht, jetzt sind aber beide in ihre Gedanken versunken. Das Gespräch ist beendet und sie werden ihrer Wege gehen, so wie jeden Tag.

Lauritz Andersen Ring - Kurzes Verweilen (1908)
Die Gesichter der beiden Alten wirken sehr real. Dies war eine große Stärke von Ring.

Lauritz Andersen Ring - Kurzes Verweilen (1908) - Detail
Aber in dem Bild ist auch eine typische Schwäche seiner Kompositionen zu erkennen. Die Figuren wirken etwas unnatürlich eingebunden. Deshalb vermute ich, dass er mit der Landschaft begann und dann erst seine Überlegungen beendete, ob und wo er die Menschen platzieren sollte. Das Ergebnis war dann nicht immer ganz harmonisch.

Lauritz Andersen Ring - Kurzes Verweilen (1908)
Was auf dem letzten hier vorgestellten Bild los ist, kann man nur raten. Bis auf den Opa haben sich alle Mitglieder der Großfamilie vor ihrem Häuschen versammelt. Aber warum, und was jetzt passieren wird, ist nicht zu deuten. Sind es die letzten Vorbereitungen vor dem Besuch eines Festes? Aber dafür sind sie wohl nicht schick genug angezogen. Oder haben sie gerade ihr Mahl gehalten und die kleinen Babys sollen nun bei frischer Luft auch ihren Anteil bekommen?

Lauritz Andersen Ring - Kurzes Verweilen (1908) - Detail
Das Bild hat einen studienhaften Charakter und ist eines der Gemälde, bei denen ich mir etwas mehr Vollendung im Detail wünsche, wie zum Beispiel in der Figur des uns anschauenden Babys oder des Großvaters.

Lauritz Andersen Ring - Kurzes Verweilen (1908) - Detail

Vilhelm Hammershøi (1864 - 1916)

Vilhelm Hammershøi hat etwas, was die meisten Künstler gerne hätten. Einen eigenen Stil. Seine Bilder sind leicht zu erkennen. Berühmt ist er für seine in grisaille-artiger Farbgebung gemalten Interieurs in sterilen Räumen. Es herrscht eine stille, melancholische Grundstimmung. Die Personen, meist schwarz gekleidet, kehren uns den Rücken zu. Sie bleiben gesichtslos und anonym, wie in dem Gemälde der Hannoverschen Sammlung.

Vilhelm Hammershøi - Interieur in der Strandgade (1901)
Wir beobachten eine Dame, welche neugierig, so wie wir auch, das Geschehen vor ihrem Fenster verfolgt. Das Zimmer ist spärlich möbliert und wirkt wenig einladend. Es gibt nur einen Stuhl. Warum? Ist ihr Mann vielleicht vor kurzem gestorben und hat Schulden hinterlassen. Sie musste den Großteil ihrer ehemals gemütlich eingerichteten Stube verpfänden und schaut nun gefasst, aber mit ein paar Tränen in den Augen, dem Abtransport der letzten Möbel zu.

Vilhelm Hammershøi - Interieur in der Strandgade (1901) - Detail