Montag, 18. Februar 2013

Donato Giancola - Und der Sieger ist...

Wettbewerbe sind so alt wie die Menschheit selber. Es gibt sie in allen Variationen. Gesucht ist der stärkste Mensch, das schnellste Auto, der beste Fußballer, die schönste Frau oder der virtuoseste Klavierspieler. Die bildende Kunst spielt hierbei natürlich keine Ausnahme. Als Beispiel hierfür sei nur die Geschichte aus dem Altertum über den Vorhang des Pharassios genannt.

Wie es der Zufall will, findet gerade der größte Malwettbewerb unserer Zeit statt. Eine Pflichtveranstaltung, an der jeder Künstler automatisch mit all seinen Bildern teilnehmen muss. Der Juror wählt ein Bild, welches er als das Beste unserer Generation ansieht. Das Gemälde mit den meisten Stimmen wird Sieger dieses Wettbewerbs sein.

Säßest du auf den Richterstuhl, könntest du dich entscheiden? Ich schon, auch wenn ich mit meiner Wahl allein auf weiter Flur stehen würde. Denn nicht nur eine Jury, sondern auch der Maler selber fällt mir in den Rücken. Warum, werden wir später sehen.

Donato Giancola - Mystic and Rider II (2005) - Öl auf Papier auf Leinwand (55,9 x 76,2 cm )
Copyright 2013 Donato Giancola

Meine Wahl

Meine Wahl fällt auf ein Bild des US-amerikanischen Malers Donato Giancola, der mir freundlicherweise erlaubt hat, seine Bilder zu verwenden.

Aufstieg

Der 1967 geborene Künstler fand, wie so viele seiner Vorgänger, den Weg zur Malerei erst im zweiten Anlauf. Schon als Kind war seine Zuneigung zur Kunst offensichtlich, er zeichnete und bastelte für sein Leben gern. Doch wollte er zuerst etwas 'vernünftiges' lernen und begann ein Studium der Elektrotechnik.
Nach zwei Jahren reifte jedoch der Entschluss, seinem Leben eine ganz andere Richtung zu geben. Er wollte Maler werden. Keiner dieser Idealisten, die nur von Liebe und Luft für ihre Passion leben, sondern sein Künstlerleben sollte auf soliden Beinen stehen. Deshalb strebte er den Magister-Abschluss einer Universität an, um danach sein Glück als Buchillustrator zu finden.

Er widmete seinem Traum die volle Energie und sog alles auf, was er über Malerei lernen konnte. Sei es durch Selbststudium, die geliebten Museumsbesuche oder durch Assistenz des Künstlers Vincent Desiderio. 8 bis 10 Stunden malen am Tag war keine Seltenheit und Schritt für Schritt verbesserten sich Giancolas Fähigkeiten. Die ersten Aufträge für Buchcover-Illustrationen trudelten ein, und der Aufstieg zu einem der weltweit bekanntesten und gefragtesten Illustratoren für Science-Fiction und Fantasy begann.

Donato Giancola - Joan of Arc (2012) - Öl auf Papier auf Masonite (61 x 106,7 cm )
Copyright 2013 Donato Giancola

Diese und viele Informationen mehr kann man seiner Webseite http://www.donatoart.com entnehmen. Dort tritt er als selbstbewusster Künstler auf, der an sein Revers geheftet hat, die Malerei der alten Meister, kombiniert mit modernen Einflüssen, ins 21. Jahrhundert zu hieven. Kein geringer Anspruch, aber die Marketing-Trommel muss im Haifischbecken des Kunstmarkts gerührt werden.
Ein besonderes Anliegen ist ihm, sein Wissen den nachfolgenden Generationen zu vermitteln. So unterrichtet er aktuell an zwei Kunstschulen, veröffentlicht Lehr-DVDs und ist Gast bei vielen Workshops.

Medienblindheit

In Deutschland würde Giancola in den Medien entweder ignoriert oder verrissen werden. Denn mit ihm verbindet man vieles, was diese sogenannten Fachleute verachten. Drei Punkte möchte ich als Beispiel nennen. Illustration, Fotografie und Detailarbeit. Das sind alles Schlagwörter, die als sicheres Kriterium gelten, keine (große) Kunst vor sich zu haben.
Ein Illustrator wird von seinen Auftraggebern gelenkt und hat keine Freiheit, sein künstlerisches Ich zu entfalten.
Die Maler haben den Wettkampf mit der Fotografie verloren und müssen andere Ausdrucksmöglichkeiten finden.
Detailarbeit vernichtet das spontane, lebendige Empfinden.

 

Illustration

Wenn Auftragsarbeiten keine Kunst wären, könnte ein Großteil der Gemälde aus den Annalen der Malerei gelöscht werden. Der berühmteste Illustrator biblischer Geschichten, Michelangelo, würde nach dieser Maßgabe der Antikünstler schlechthin sein. Hineingezwängt in die Pläne seiner Auftraggeber, Hintanstellung eigener Ideen, arbeitend in einem Medium, welches ihn nicht behagte. Trotzdem werden die Fresken in der Sixtinischen Kapelle als Meisterwerke betrachtet.

Warum ist es für viele nur so schwer vorstellbar, dass ein Illustrator ein vorgegebenes Thema als Aufgabe betrachten und zu seinem eigenen machen kann? Auch wenn der grobe Rahmen aufgrund der Handlung eines Buchs vorgegeben ist, gibt es Millionen Wege, diesen zu füllen. Sowohl in der technischen Umsetzung als auch der Darstellung. Welcher Handlungspunkt, welche Personen, welche Perspektive, welche Farbgebung, welche Beleuchtungsregie, welcher Gesichtsausdruck und so weiter und so fort.

Donato Giancola - Eric Bright-Eyes Triptych - Mitte (2001) - Öl auf Leinwand (insgesamt 172,7 x 86,4 cm )
Copyright 2013 Donato Giancola

Fotografie

Mich wundert es immer wieder, warum Museen der modernen Kunst dem Foto- und Hyperrealismus Platz einräumen, alle anderen Sparten des Realismus aber ausklammern. Dabei sind doch gerade dort die größten Schätze zu finden. Fotorealismus ist aufgrund des technischen Könnens zwar Kunst, nur langweilt sie aufgrund ihrer zu großen Nähe zur Fotografie.

Diesen 'Fehler' begeht Giancola jedoch nie. Er verwendet fotografische Studien als Arbeitserleichterung, bindet diese aber immer in seine Gesamtkomposition ein. Man hat nie den Eindruck, vor einem Schnappschuss zu stehen, den jemand gerade per Kamera eingefangen hat. So entsprechen seine Porträts selten dem 0815-Standardschema, sondern haben immer etwas Ungewöhnliches, Überraschendes zu bieten, so wie im folgenden Bild die bewegende Kartenlandschaft.

Donato Giancola - Cartographer: Claudia Rodriguez (2005) - Öl auf Papier auf Masonite (55,9 x 43,2 cm )
Copyright 2013 Donato Giancola


Eine weitere Spezialität Giancolas, die ihn Meilenweit vom trockenen Fotorealisten abhebt, sind die spektakulären und ungewohnten Blickwinkel, mit denen er den Betrachter aus seinem gewohnten Seh-Alltag zerrt und ihn mitten in das Geschehen wirft.

Donato Giancola - Farseekers (1999) - Öl auf Leinwand (68,6 x 81,3 cm)
Copyright 2013 Donato Giancola

Manche seiner Bilder sind barock-überladen, das Auge weiß kaum, wo es hinschauen soll, der Kampf ist in vollem Gange.

Donato Giancola - Faramir at Osgiliath (2003) - Öl auf Leinwand (139,7 x 94 cm)
Copyright 2013 Donato Giancola

Andere Bilder sind dann jedoch fast kontemplativ, der Sturm ist vorbei und der Künstler zeigt einen kurzen Moment der Ruhe.

Donato Giancola - The Golden Rose (2007) - Öl auf Leinwand (91,4 x 121,9 cm)
Copyright 2013 Donato Giancola

Detailarbeit

Die persönlichen Empfindungen des Künstlers sollen bei zu großer Detailarbeit verloren gehen, das Bild wirkt steril. Mit dieser Floskel habe ich im Zusammenhang mit der Malerei noch nie viel anfangen können. Eine Skizze soll spontan sein und Möglichkeiten aufzeigen. Doch Liebe und Begeisterung zeigt sich erst in der Freunde, ein Thema zu vertiefen und es von verschiedenen Seiten zu beleuchten. Dies kann nicht immer schnell-schnell gehen, sondern verlangt Leidenschaft, Arbeit und Kreativität. Oder, wie es Giancola so schön gewichtet:
51.5% Fantasie, 47.5% Recherche, 1% Diebstahl

Gerade die minutiöse Detailversessenheit der großen Meister hat oft zu schönen Anekdoten geführt:
  • Während der Entstehung seines Gemäldes The Roses of Heliogabalus kaufte Alma-Tadema täglich eine Unmenge Rosen, um jedem Blatt das frische Leben einzuhauchen.
  • Ein Model Adolf Menzels fiel in Ohnmacht, weil der Meister ihn stundenlang in einer unmenschlichen Position verharren ließ. 
  • Giancola hat zum Glück nur einen Fisch auf seinem Gewissen, der aber zum Glück, so die Gerüchte, schon vorher tot gewesen sein soll. Leider musste er seine letzte Ruhe schwitzend unter einer Wärmelampe, zum Wohle der Kunst, verbringen
Den typischen Entstehungsprozess seiner Illustrationen beschreibt der Künstler in mehreren Interviews detailliert, zum Beispiel hier oder hier.
  1. Fachliche Vorbereitung (Betrachtung des Thema aus vielen Blinkwinkeln)
  2. Grobe Skizzen in Bleistift  (Ideengewinnung zur Beleuchtung und Komposition)
  3. Ein bis drei Skizzen zur Vorlage beim Auftraggeber
  4. Sammeln von Gegenständen, fotografische Referenzen und eigene Aufnahmen
  5. Erstellung einer Zeichnung im Originalformat des späteren Bildes
  6. Kopie der Vorzeichnung auf Baumwollpapier und Befestigung auf einer Mansonit-Platte.
  7. Farbstudien
  8. Umsetzung des Ölbildes und gegebenenfalls Korrektur der Vorlage

Geniestreich

Giancolas Gemälde sollen als eigenständige Kunstwerke unabhängig von der Buchvorlage bestehen.
Dies ist bei seinem Meisterwerk The Archer of the Rose mit Sicherheit auch gelungen. Ich kenne das zugehörige Buch nicht, aber es ist für die Wertschätzung des Bildes auch nicht von Belang.

Donato Giancola - The Archer of the Rose (2008) - Öl auf Papier auf Leinwand (91,4 x 61 cm)
Copyright 2013 Donato Giancola

Ich habe das Bild schon viele Male betrachtet und bin immer noch begeistert von der genialen Komposition und Bildwirkung. Jeder Zentimeter dieses Bildes ist mit Leben gefüllt, man spürt förmlich die Energie des Kampfes. Durch die geschickt inszenierte Blickrichtung entlang der Diagonalen wirkt das Bild aber keineswegs chaotisch.

Donato Giancola - The Archer of the Rose - Ausschnitte (2008) - Öl auf Papier auf Leinwand (91,4 x 61 cm)
Copyright 2013 Donato Giancola

Donato Giancola - The Archer of the Rose - Studie (2008) Copyright 2013 Donato Giancola

Die aus der Phalanx der glänzenden Schilder herausragenden Kämpferinnen, welche nach rechts oben zum imaginären Feind blicken, sind bewegend gemalt. Es ist der Moment dargestellt, bei dem in all dem Lärm des Gefechts ein Augenblick der Stille herrscht und der hell erleuchtete Pfeil der Bogenschützin den Anführer der Feinde besiegen wird.

Donato Giancola - The Archer of the Rose (2008) - Wechsel zwischen Vorzeichnung und Original            Copyright 2013 Donato Giancola

Geschmacksache

Dieses Bild wurde wohl zum ersten Mal im ARC Salon von 2008-2009 ausgestellt, aber dort als nicht auszeichnungswürdig erachtet. Auch Giancola selber sieht ein ganz anderes Gemälde als sein bedeutendstes Werk an, THE HOBBIT: EXPULSION.
Doch ich stehe hier und kann nicht anders, meine Stimme für das Opus Magnum unserer Generation geht an The Archer of the Rose :-)

Kommentare:

  1. Ich bin zufällig auf Ihren Blog gestoßen und wollte Danke sagen, dafür, dass sie versuchen den Leuten die klassischen Kunstformen zu vermitteln die hier in Europa leider weder gefördert noch wirklich gelehrt werden.

    Sie sind der erste deutschschrachige Blog der sich dieser Aufgabe annimmt.

    Dass man heute zwischen einem Illustrator und einem "Künstler" unterscheidet, ist umso verwunderlicher, weil wie sie ja schon erwähnen, die meisten Künstler der Rennaissance im wahrsten Sinne des Wortes Illustratoren waren.

    Sie illustrierten meist biblische- oder mythologische Motive für einen Auftraggeber.

    Nicht jede Illustration ist natürlich als ein künstlerisches Meisterwerk zu bezeichnen, aber es sind heute ganz klar die Illustratoren, die man am ehesten als Künslter bezeichnen kann.

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  2. Vielen Dank für die freundlichen Worte.
    Die einstimmige Lobhudelei auf Leute wie Markus Lüpertz, der unisono in den Medien als Genie und Malerfürst gefeiert wird, wird mir immer unverständlich bleiben.

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