Sonntag, 23. November 2008

Hildebrandt: Model mit Bart schadet dem Professor

Ungelöstes Verbrechen


Ferdinand Theodor Hildebrandt: Die Ermordung der Söhne Eduards, 1835
Öl auf Leinwand - 150 x 175 cm


Eng aneinander geschmiegt, einer in den Armen des anderen liegend, schlafen die beiden Kinder den Schlaf der Gerechten. Neben ihnen liegt ein Gebetbuch und ein Rosenkranz, der scheinbar, kurz bevor die Augen zufielen, von ihnen noch benutzt wurde. Jedoch sind diese beiden unschuldigen Knaben nicht alleine. Zwei finster drein blickende Männer sind zu dieser späten Stunde in ihre Kammer eingedrungen. Einer der beiden hat den Vorhang bei Seite geschoben, der andere mit einem kräftigen Griff die Decke entfernt. Das Bild zeigt den Augenblick, wo die beiden Erwachsenen innehalten und die schlafenden Kinder betrachten. Was jetzt geschieht, lässt sich erahnen, da eine Hand des linken Mannes fest einen Dolch umklammert.

Beschrieben ist hier eine Szene aus Shakespeares Tragödie, Richard III. Richard hatte die Königskrone an sich gerissen, obwohl die beiden, als Kinder des früheren Königs Eduard IV, die eigentlich erbberechtigten Könige sind und Eduard der 5te es für kurze Zeit schon war. Aus Angst vor zukünftigen Rachetaten wurden die beiden Kinder in den Tower gesperrt und später ermordet.
Was wirklich in dem Tower mit ihnen geschah, konnte von den Historiker nicht eindeutig geklärt werden.

Diese schaurige Szene wurde von mehreren großen Malern in Szene gesetzt. Die wohl bekannteste Fassung ist die 4 Jahre frühere Version von Paul Delaroche.



Was hat dies mit Lehrern, Modeln und ungeliebten Bärten zu tun?

Ich lese gerade in dem Buch 'Kunstwerke und Kunstansichten' von Johann Gottfried Schadow [teilweise mühsam zu lesen, aber für einen kunst-geschichtsinteressierten Leser interessant, vor allem aufgrund der sehr ausführlichen Kommentare. Habe mir auf jeden Fall vorgenommen, es ganz zu lesen. Mal sehen, ob ich es schaffe :-)]

Dort erwähnt er eine Begebenheit zur Berliner Akademieausstellung 1834. König Friedrich Wilhelm III besucht die Ausstellung in Begleitung J.G. Schadows. Eines der Bilder ist ein Portrait des Maler Jakob Becker, gemalt von seinem Lehrer, Schadows Sohn Wilhelm, der zu jener Zeit Rektor der Düsseldorfer Kunstakademie war. Becker ist mit einem für die damalige Zeit neumodischen (und politisch inkorrekten) Bart abgebildet. Zum Kauf angepriesen, wurde es vom König mit dem nicht ganz praktikablen Kommentar abgelehnt:

"Erst den Bart abscheren"

Das waren noch Zeiten... Aber ich vermute, dass die Ehre des Künstler dann doch verhindert hat, dass der Bart wieder abgeschabt wurde.
Vielleicht hatte sich Becker diesen Bart nur wachsen lassen, weil er für einen der beiden Mörder (wahrscheinlich der Rechte, siehe google Bildsuche, z.B. bei portrait-hille) in Hildebrands oben beschrieben Gemälde Model gestanden hatte. Und nun vermasselt dieser Bart seinem Lehrer Wilhelm von Schadow den Verkauf an den König.

Und die Moral von der Geschicht, model mit Bart nicht.

PS: Es wäre wohl etwas weit gegriffen zu behaupten, die Ursache dafür, das Model heutzutage fast nie Bart tragen, hätte mit dieser Begebenheit zu tun :-)